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100 Jahre Familienbetrieb „Rahmen Stroh“

Diese Texte habe ich nach Vorlagen der jeweiligen Autoren und Zeitzeugen bearbeitet. Sie erschienen im Februar, Mai, September und November 2009 in der Lokalausgabe der Ostsee-Zeitung Ribnitz-Damgarten.

Vor 100 Jahren wurde die Firma „Bild & Rahmen Stroh“ gegründet. In 4 Teilen schreiben Familienmitglieder die Geschichte in jeweils 100 Zeilen auf.

Es ist für mich etwas Besonderes, das Familienunternehmen zum 100. Jubiläum zu führen. Es macht mich stolz und ich bin mir der Verantwortung für ehemalige und kommende Generationen bewusst. Aber solch ein Unternehmen lässt sich nur mit Verantwortung führen – den Kunden, den Mitarbeitern und der Familie gegenüber. Meine Frau Yvonne und ich haben die Firma 1995 in einem tragischen Moment übernommen. Mit nur 53 Jahren starb mein Vater Bernd Stroh. Gerade hatten wir uns an die neuen Gegebenheiten nach der Wende angepasst, unser Konzept hatte Erfolg, die produzierte Ware fand wieder Abnehmer. Zur unsäglichen Trauer kam der Wille, das Werk von drei Generationen unbedingt erfolgreich fortzusetzen. Voller Schaffenskraft stürzten wir uns in die Arbeit. Der Betrieb musste ins Computerzeitalter überführte werden. Die Vernetzung zu allen Kunden war dringend notwendig. Wir entwarfen Kataloge, beteiligten uns als Aussteller auf den verschiedensten Messen in Deutschland und knüpften Beziehungen zu Leistenfirmen im In- und Ausland. Waren wurden und werden in Spanien, Italien, Großbritannien und in Tschechien eingekauft. Doch nichts ist so flüchtig wie der Erfolg. Bis zur Währungsunion ging das Konzept auf. Doch durch die Osterweiterung wurde der Markt mit Waren überschwemmt, durch die Einführung des Euro wurden die Menschen sparsamer und verzichteten auf viele Dinge, die nicht unbedingt notwendig waren. Die Waren der Firma Stroh gehörten dazu. Auf diese neue Lage mussten wir reagieren. Ein neues Personalkonzept sah vor, statt viele, eher hoch qualifizierte und spezialisierte Mitarbeiter zu beschäftigen. Weitere Geschäfte entstanden in Stralsund und Rostock. Eigene Betriebswege sollten aufgebaut werden. Gleichzeitig wurde Produktionsfläche von Ribnitz nach Rostock verlagert, um so freie Flächen für die Werkstatt in der Boddenstadt zu schaffen, die dringend modernisiert werden musste. Doch die Kaufkraft der Menschen wurde immer geringer. Unser Umsatz in den großen Möbelhäusern, in den Galerien und Einrichtungshäusern sowie in den Fotogeschäften brach fast völlig ein. Kluge betriebswirtschaftliche Maßnahmen führten uns auch durch umsatzschwache Zeiten. Allerdings mussten die beiden Einzelhandelsgeschäfte in Stralsund und Rostock wieder aufgegeben werden. Doch unsere Kunden kennen uns als kompetenten Partner vor Ort. Unser hohes Fachwissen in den Bereichen Rahmen, Glas und Holz lässt uns optimistisch in die Zukunft schauen. Alles ist in Bewegung und so haben wir uns auch neuen Arbeitsbereichen aufgeschlossen. Galeriebedarf, Wintergärten, Fotografie, um nur einiges zu nennen. Wir arbeiten für die Kunden und für die Zukunft einer weiteren Familiengeneration.
OLIVER STROH

Von den Anfängen der Firma Stroh kann ich selbst nur berichten, was andere mir erzählt haben: Paul Stroh gründete 1909 in Berlin-Friedrichshain, Frankenstraße 53, die Firma „Gold-, Politurleisten und Rahmenfabrik Stroh“. Die Firma hatte in seiner besten Zeit zwischen den beiden Weltkriegen 120 Angestellte. Damals war der einzige Sohn von Paul und Emilie (geb. Mann) Willy zehn Jahre alt. 1925, im Alter von 26 Jahren, übernahm Willy die Firma von seinem Vater, der mit 50 Jahren verstorben war. Mit Willy begann die Verknüpfung der Familie Stroh nach Ribnitz. Der Firmenchef heiratete nämlich seine Sekretärin Anni Kelling, die aus Ribnitz stammte. 1942 wurde ihr einziger Sohn Bernd Stroh geboren.
Willy Stroh wurde im II. Weltkrieg zur Wehrmacht eingezogen und geriet in Frankreich in Kriegsgefangenschaft. Seine Berliner Rahmenfabrik wurde bei einem Bombenangriff völlig zerstört. Anni Stroh floh mit ihrem Sohn Bernd und Schwiegermutter Emilie aus Berlin nach Ribnitz und bekam im Haus ihrer älteren Schwester Hella Kelling in der Fritz-Reuter-Straße Obdach.
In der Kriegsgefangenschaft lernten sich Willy Stroh und mein späterer Mann, Willi Drühl, kennen. Sie wurden Freunde fürs Leben. 1948 kamen beide aus der Gefangenschaft zurück. Beide suchten ihre Familien. Willy Stroh fand seine Angehörigen wohlbehalten im Schoß der Familie Kelling. Willi Drühl konnte seine Familie in Stralsund nicht mehr finden. Er suchte in Ribnitz einen Neuanfang. Damals lernten wir uns kennen und wurden ein glückliches Ehepaar. Willy Stroh ging nicht mehr zurück nach Berlin und begann in Ribnitz einen Kleinsthandel mit Schulheften und Schreibutensilien. Dann baute er in der Gänsestraße eine Tischlerwerkstatt auf und produzierte Fotowechselrahmen. 1954 konnte Willy Stroh das Grundstück in der Fischerstraße 6 erwerben und baute dort eine Rahmenfabrik auf. Leicht war das alles nicht, denn seine Frau Anni starb sehr früh. So war der Vater mit seinem 11- jährigen Sohn allein. Gut, dass er die Unterstützung der Familie hatte.
Der Aufbau eines Privatbetriebes in der DDR war ein äußerst schwieriges Unterfangen. Immer wieder konnte Willy Stroh die Enteignung seines Unternehmens verhindern.
Doch es gab auch schöne Momente. So oft es ging fuhr Willy mit seinem Fahrrad über das Fischland und besuchte uns zum Kaffee. Mein Mann Willi war Maler und da sich der Ribnitzer Willy sehr für Malerei und auch andere Maler interessierte, und nicht nur beruflich, ging uns der Gesprächsstoff nie aus.
Bernd Stroh wurde langsam erwachsen. Für ihn war klar, dass er in die Fußstapfen seines Vaters treten möchte. Er erlernte den Beruf eines Kaufmanns und Vater und Sohn führten viele Jahre gemeinsam den Betrieb. Es war eine schwierige, aber auch schöne Zeit damals.
ILSE DRÜHL

Ich lernte Bernd Stroh 1963 kennen. Eigentlich wollte er mit seinem Freund, Jochen Blunck, in den Sportpalast. Es wurde dann aber ein gemeinsamer Kinobesuch. Nach zwei Jahren heirateten wir und bald kam unser erster Sohn Ralf zur Welt. Nachdem ich meine Arbeit im Telegraphenamt aufgegeben hatte, führte ich einige Jahre die Journalbuchungen des Familienunternehmens. Später wurde ich auch im Rahmenbau unterrichtet und half wo mich der Betrieb brauchte.
1968 kam unser zweites Kind Oliver zur Welt.
Mein Mann Bernd Stroh war von Beruf Industriekaufmann. Er hatte im väterlichen Betrieb gelernt und seinen Abschluss vor der IHK Rostock erbracht. So hatte er die besten Voraussetzungen, um den Betrieb seines Vaters weiter zu führen. Es ist mir wichtig zu sagen, dass mein Schwiegervater, Willy Stroh, ein guter Chef war. Er hatte zu seinen Angestellten ein sehr gutes Verhältnis. Er war ruhig, freundlich und ausgeglichen. Seine Frau Anni ist bereits 1953 verstorben und so musste Willy seinen Sohn allein aufziehen. Wir waren aber damals eine große Familie, schließlich wohnten Tanten, Onkel, Vater, Sohn, Schwiegertochter und Enkel im Haus in der Fritz-Reuter- Straße.
Während Willy Stroh das Familienunternehmen leitete, wurde Bernd immer mehr zu seiner rechten Hand. Es war zu sozialistischen Zeiten nicht immer einfach einen Privatbetrieb zu führen. Immer wieder wurde er gedrängt, seinen Privatbetrieb aufzugeben. Doch dazu war Willy Stroh nicht bereit. Irgendwann drängte man ihn sogar, den Betrieb auf Bernd Stroh, seinem Sohn zu überschreiben. Das war die Zeit, als Willy Stroh langsam alt und kränker wurde. Opa Willy starb 1979. Bis zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten 1990 führte mein Mann Bernd Stroh den Betrieb. Durch die geringe Leistenmenge, die eingekauft werden konnte, war es mehr oder weniger eine Mangelproduktion. Aber die Familie hatte ein Auskommen.
Als die beiden Jungen Ralf und Oliver erwachsen wurden, musste auch für sie eine berufliche Zukunft gefunden werden. Ralf wurde Schiffbauer und Oliver wollte den elterlichen Betrieb übernehmen. So begann er 1984 eine Lehre als Glaser und schloss als junger Geselle 1991 erfolgreich seine Meisterausbildung ab.
1990 brannte auf dem Betriebsgrundstück in der Fischerstraße 6 das Vorderhaus ab und die Familie entschloss sich, das Haus wieder neu aufzubauen und eröffnete 1994 das jetzige Wohn- und Geschäftshaus. Die Familie und die Geschäfte wuchsen langsam aber stetig. 1995 dann das Unfassbare: mein Mann Bernd Stroh starb an einem Herzschlag. Kummer, Schmerz und Leid – viel musste ausgehalten werden. Seit diesem schmerzlichen Ereignis führen Oliver und seine Frau Yvonne das Unternehmen. Ich selbst helfe so gut ich kann. Es geht um die Familie und das Unternehmen. Da gebe ich gern mein Bestes.
ANGELINE STROH

Die Wende 1990 war für unseren Betrieb wirklich ein großer Einschnitt. Die Arbeitsweise veränderte sich grundlegend. Einmal im Jahr sind Bernd und Oliver nach Burg gefahren und haben Leisten eingekauft. Mit dem Wartburg und Anhänger haben sie ihr Kontingent für das gesamte Jahr (sie erinnert sich an einen Betrag von 20 TM) abgeholt.
Das musste reichen für die Produktion von einem Jahr. Sie produzierten hauptsächlich Fotorahmen für Fotogeschäfte in der gesamten Republik. Holz und somit auch Fotowechselrahmen waren knapp in der Republik und damit keiner zu kurz kam von den Kunden, wurden die Bestellungen der Reihe nach abgearbeitet. Oft konnten die letzten Kunden ihre Bestellungen nicht mehr erhalten. Der Betrieb war als Industriebetrieb eingestuft (mit 12 Angestellten) und nicht als Handwerksbetrieb. Industriebetriebe wurden zu DDR-Zeiten mit der Besteuerung sehr stark geknebelt. Von einer Mark wurden 93 Pfennig Steuern einbehalten. Es war unmöglich durch diese Besteuerung Rücklagen zu bilden. Eine Produktionserweiterung war unter diesen Umständen nicht möglich und auch nicht gewollt. Die Familie konnte davon leben und die Frauen in dem Betrieb verdienten sich ein kleines Zubrot für ihre Familien, mehr war nicht drin.
Mit der Wende wurde alles anders. Bis zu dieser Zeit hat die Produktion nie ausgereicht. Und plötzlich kam keiner mehr und niemand wollte noch die Waren der Firma Stroh haben. Die Lage war für die Familie Stroh unvorstellbar. Oliver fasste sich ein Herz und ist mit dem voll beladenen Wartburg und dem Anhänger losgefahren und hat alle alten Kunden der Reihe nach besucht und seine Waren feilgeboten. Kaum einer nahm ihm etwas ab. Bei dieser Reise kam Oliver das erste Mal mit dem Warenangebot seiner westlichen Konkurrenten in Berührung. Schnell erkannte er, dass das Auge mitkauft. Die Aufmachung der Ware, sprich die Verpackung und die Einlegeblätter waren seiner Meinung nach ein entscheidendes Kriterium, ob der Kunde die Ware kaufte oder nicht. Alles musste besser aussehen. Kaum zu Hause wurde der Familienrat einberufen. Schnell entschloss man sich eine Einschweißmaschine zu kaufen. Oma Drühl wurde um Erlaubnis gebeten, von Opa die gemalten Windflüchter als Druck in Auftrag zu geben. So entstand in rascher Folge ein neues Erscheinungsbild der Firma Stroh und Oliver setzte sich schon bald wieder in Bewegung, um alle Kunden abzufahren, mit dem neuen Angebot im Wartburg und Anhänger. Und siehe da, das Konzept hatte Erfolg! Die produzierte Ware fand wieder Abnehmer. Nach dem Tod von Bernd Stroh 1995 übernahmen Oliver und ich die Firma, die wir ständig weiter entwickeln. Nach und nach entstand so ein Bilderhandel, einschließlich Einrahmungen. Zu unseren Kunden gehören nun auch Möbelhäuser, Galerien, Glasereien, Einrahmungsfachgeschäfte und Fotoateliers.
YVONNE STROH