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Bunker Eichenthal

Geahnt hatte man es eigentlich. Gemunkelt, hinter vorgehaltener Hand: „Die haben bestimmt so was.“ Doch nichts Genaues was man nicht. Irgendwo wird sich die NVA schon auf einen Atomkrieg vorbereitet haben.
Nicht irgendwo. Gleich nebenan. Zwischen Bad Sülze und Tribsees. In Eichenthal. In sechs Meter Tiefe haben sich die Genossen der Nationalen Volksarmee eingegraben, um einen Atomschlag zu überstehen – 1700 Grad Celsius kein Problem. Götz Thomas Wenzel hat den Troposphären Bunker 302 „ausgegraben“ und ihn für die Öffentlichkeit freigegeben.

Ich gehe hinter einer kleinen Frau mit Hut den 125m langen Gang hinunter. An den Wänden Alarmleuchten. Eine Stimme aus dem Off orientiert die Besucher in eine andere Welt. Ein skurriler Moment. Eine Psycho-Schleuse. Unten angekommen vertreibt Manuela Friedrichs mir mit einem ernsten Blick den letzen Schalck aus dem Nacken. 1986 sei der Bunker fertig gestellt worden. 1988 in Betrieb genommen. Zirka 30 Menschen hätten hier einen atomaren Angriff zirka 20 Tage überleben und weiter eine funktionierende Schaltzentrale sein können. 20 Minuten Zeit waren für die Soldaten eingeplant, die nach dem Einschlag die Antennenanlage wieder aufbauen sollten. Die Bunkerbesatzung sollte nach einem Atomschlag Nachrichten übermitteln – per Troposphärenfunk an weitere 25 gleichartige Bunker, fein verteilt als strategisches Troposphären-Nachrichtensystems „BARS“ in den Ländern des Warschauer Paktes. 20 Minuten in Vollschutz im verseuchten Gelände. Bunker 302 hätte dann wieder gesendet. Die Soldaten wären in dieser Zeit sicher – hat man ihnen gesagt.

Die kleine, korpulente Frau mit der Brille und dem ernsten Gesicht erklärt vor einer Wandzeitung mit Gorbatschow und Honecker die Technik des zweistöckigen Bunkers. Russische Technik, kyrillische Wörter überall. Wir passieren ein Schleusensystem mit fünf dicken Stahltüren. Manuela Friedrichs lässt uns in Räume gehen, in denen schwere Maschinen anspringen, die Stimme aus dem Off erklärt den Raum. Lüftungs- und Drucksysteme mussten in Gang gehalten werden, die hermetische Abriegelung nach draußen perfekt sein. Dunkelheit, nur wenig Licht, Lärm – bedrückend. Inzwischen schaue ich auch ganz ernst.

Götz Thomas Wenzel (51) ist ein Suchender. Gießer und Schmelzer hat er gelernt. Kunstgießer wollte der schmächtige Mann werden. Er war zu schmächtig für den Job. Publizist wurde er, organisierte Rock-Konzerte vor Ost-Millionen-Publikum. Als die Wende kam, hatte er keinen Bock auf Volksmusik, wie er sagt. Wenzel suchte unter der Erde nach seiner Bestimmung. Ergebnis: ein Buch über Geisterbahnhöfe in Berlin. Er interessierte sich für unterirdischen Städtebau. 1994 „tauchte er wieder auf“ und betrieb zwei Jahre lang Ferienwohnungen und einen Zeltplatz auf Wittow (Rügen). Doch das konnte es bei Wenzel nicht sein. Nächster Versuch: der Berliner kaufte sich ein Gutshaus in Stierow und restaurierte Möbel. Probierte eine „gutbürgerliches Leben“, so gut wie es ein Wenzel eben kann. Lange konnte er nicht. „Unter Tage macht suchtkrank“, sagt er selbst. So fing er wieder an mit einem Filmteam unterirdische Bunker aufzuspüren und fand ganz in seiner Nähe den Troposphärenfunk Bunker 302. Das ist es! 1992 wurde der Bunker leer geräumt und bis 2001 nutzte man die Anlage als Asylbewerberheim. 2004 stellte Wenzel den Kaufantrag. 2005 wurde der Kauf abgeschlossen. Der Bunker-Fan fing alleine an zu schuften. Bunker und Anlage waren geplündert. Giftmüll musste entsorgt werden. Tischler, Maler Elektriker aus der Region unterstützten ihn bei seinen Anfängen. Am 1. Mai 2005 stieg eine „Mozartkugel“ (Zitat Wenzel) aus dem Auto. Manuela Friedrichs suchte eine Tätigkeit. Wenzel schickte sie in den Bunker. Als sie vollkommen verdreckt wieder auftauchte, verlangte sie nach mehr Arbeit. Die bekam sie. Es war immer die dreckigste Arbeit, die ihr neuer Chef ihr zuteilte. „Ich habe mich nicht wegekeln lassen“, sagt die 30-Jährige mit Stolz. Jetzt führt sie Gruppen durch den Bunker. In der Saison täglich von 10 bis 18 Uhr.
Wir sind inzwischen in der Schaltzentrale angekommen. Funksprüche sind zu hören. Mal russisch, man sächsisch. Ostblocktechnik. Der Raum erinnert an eine Kommandozentrale eines U-Bootes. So wirbt Wenzel auch: mit einem unterirdischen U-Boot. Beim Rundgang werden die Mannschaftsräume und alle sozialen Einrichtungen nicht gezeigt. Es soll keine Verklärungen geben – heißt es knapp. Stellen Sie es sich wie bei einem U-Boot vor. Drei Mann eine Koje.
Dann wird es wieder ernst. Schwangerschaften bei den Besuchern? Herzkranke, Epileptiker? Dann kommen sie. Der Raum ist vollkommen abgedunkelt. Neu zwei Monitore senden schwarz-weiße Bilder. Eine Stimme: Atomschlag auf Rostock und Stralsund in drei Minuten. Funksprüche. Raketen starten. Countdown. Einschlag. Der Bunker bebt…. Stille. Der Stuhl vor dem Monitor ist umgefallen. Licht an. Vögelgezwitscher. „Willkommen im Happy End 2008 in Eichenthal.“ Die Frau mit dem Hut lächelt sogar ein wenig. Wir nicht. Danach ist uns nicht zumute. Auch draußen in der Sonne nicht. Götz Thomas Wenzel ist längst kein schmächtiger Mann mehr. Auch kein Suchender. Er hat gefunden. Der Bunker in Eichenthal ist eine Mahnung. Schickt unsere Jugend hin!

Weitere Informationen:
www.hptnzmfnv.homepage.t-online.de