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Das Klarissenkloster: Fluch und Segen einer Stadt

Die Geschichte des St. Klaren Klosters in Ribnitz ist ein spannender historischer Stoff. Die Historie erzählt von Lug und Trug, von Mord und Totschlag, von Verleumdungen und Bespitzelungen, von Frivolitäten und Gottesfurcht, von mutigen Frauen und feigen Kerlen. Machtspiele über Jahrhunderte hinweg prägten das Verhältnis von Kloster und Stadt. Bis letztlich das Land Mecklenburg, später die Stadt Ribnitz, das Kloster und spätere Damenstift in ihre Verwaltung übernahm. Eine Stadt und ihr Kloster. Früherer Fluch und heutiger Segen. Schon allein der Beweggrund für die Stiftung des Klosters 1323 lässt aufhorchen. Heinrich II. der Löwe von Mecklenburg hatte einen Albtraum, der ihm verhieß, dass seine Seele vom bösen Geist zur ewigen Verdammnis in die Hölle getragen wurde. Was war geschehen? Der Mecklenburger Fürst war ein äußerst kriegerischer. Er schaffte es, von 1302 bis 1329 alleiniger Herrscher des Landes zu sein, das bisher in vielen Kriegen zwischen Fürsten und Königen arg gebeutelt und geschunden war. All diese Feldzüge verschlangen eine Unmenge an Geld, so dass Heinrich der Löwe unter permanenter Geldknappheit litt. Schließlich belegte er auch Geistliche, Äbte und Klöster des Landes mit Abgaben, nachdem er ihnen schon Güter eingezogen hatte. Dies ließ sich nun der Klerus nicht länger gefallen. Heinrich der II. wurde mit einem Bannfluch belegt. Zunächst tat der Fürst diesen Fluch ab – er scherte sich nicht darum. Dann plötzlich träumte er diese „greßelicke ghesychte“ und wurde dadurch geläutert. Er schenkte der Kirche alle Güter zurück und stiftete ein Kloster auf dem Gelände seines Fürstenhofes in Ribnitz. Schon allein die Gründung des Klosters beruhte wohl auf einer größeren Flunkerei. Wissen muss man, dass ein kirchlicher Bann eine erhebliche Einschränkung der Handlungsfähigkeit bedeutete. Alle Christen werden damit vom Eid der Gefolgschaft des Gebannten gelöst, es wird ihnen sogar untersagt, dem Gebannten zu dienen. Dieser wird sozusagen für vogelfrei erklärt. Kaiser Heinrich IV. (1050 bis 1104) zog nach einem Kirchenbann im Büßerhemd über die Alpen nach Canossa, Martin Luther versteckte sich, vom Bann belegt, im 16. Jahrhundert als Junker Jörg auf der Wartburg. Da sollte doch ein mecklenburgischer Fürst kein Hindernis sein – auch wenn er den Beinamen Löwe trug. Wie dem auch sei: Ribnitz sollte fortan ein Kloster des Heiligen Klarenordens in seinen Mauern beherbergen. Als Startfinanzierung gab es noch umfangreiche Schenkungen hinzu. Heinrich der Löwe entschlief 1329 wohl mit gerettetem Seelenheil. Um dies und auch um das irdische Dasein mussten Kloster- und Stadtbewohner aber lange miteinander ringen. Die Ribnitzer Bürger lehnten nämlich das Kloster in ihren Mauern ab. Sie bewiesen Weitsicht, denn sie befürchteten, dass die kirchliche Einrichtung zu mächtig und sie die Ausdehnung der Stadt behindern würde. So kam es dann später auch. Der Kampf gegeneinander erreichte seinen vorläufigen Höhepunkt beim Einzug der ersten vier Nonnen im Jahr 1329. Bis dahin hatten die Ribnitzer den Bau des Klosters unter Dietrich von Studitz kräftig behindert. Städtischen Handwerkern wurde einfach verboten, am Bau des Klosters mitzuwirken. Die aus Weißenfels kommenden Nonnen hatten vor dem Stadttor zu warten, bis der sie begleitende Ordensmeister der Franziskaner die aufgestellten Bedingungen der Stadt akzeptierte und unterzeichnete. Die Stadt versprach zwar immer wieder nach solchen Diktaten, das Kloster in Ruhe zu lassen, hielt sich aber nur lax daran – wenn überhaupt. Ein Jahr später, zur Weihung des Klosters, wollten die Bürger von Ribnitz sogar Gewalt anwenden, um die Bestätigung der 1329 unterschriebenen Bedingungen zu erreichen. Der Schweriner Bischof weigerte sich standhaft und in dieser brenzligen Situation rettete Dietrich von Studitz die Situation mit dem Hinweis, dass eine Geldzahlung die Situation wohl retten könne. Der Bischof unterschrieb den „Vergleich“ von 1329 und die Weihe des Klosters ging vonstatten. Doch es war nur ein kleiner Sieg der Stadt. In ihren Mauern baute sich ein mächtiger Widerpart auf. Die Vorsteherinnen, Äbtissinnen des Ribnitzer Klosters, waren zumeist Prinzessinnen der mecklenburgischen Fürstenhäuser und so konnte das Kloster immer wieder mit Schenkungen rechnen. Da der Convent auch bürgerlichen Damen offen stand, trugen diese durch hohe Erbschaften und Leibrenten einen beträchtlichen Teil des Vermögens bei. Das Kloster kaufte Land rund um die Stadt. Im Jahre 1525 umfasste der Klosterbesitz insgesamt 17 Bauerndörfer und fünf Klosterhöfe. Die Stadt war vom Klosterbesitz völlig eingekreist und hatte keine Ausweichmöglichkeiten.
Doch zu dieser Zeit klopfte schon die Reformation an die schweren Kirchtüren. Martin Luther erschütterte das katholische Kirchengebilde und Thomas Müntzer schwang sich zum geistigen Führer des Bauernkrieges auf. Auch Ribnitz hatte seinen klitzekleinen Aufruhr 1526. Die Klockenhäger Klosterbauern revoltierten nach einem organisatorischen Missverständnis bei der Essenslieferung und zogen mit Messern und Sensen wütend auf den Klosterhof. Mit einigen Getreuen stellte sich die Äbtissin Dorothea der wütenden Menge und redete auf sie ein. Mit Ruhe und Überzeugungskraft sprach sie, wird übermittelt, besänftigte so die Menge, gab ihnen Bier und Essen. In der Sache blieb sie jedoch hart. Die Bauern mussten sich entschuldigen, ohne Vergütung einen Erbhof aufbauen und geloben, nicht wieder aufsässig zu werden.

Doch so einfach wie in diesem Beispiel hatte es das katholische Kloster in den Zeiten der Reformation nicht. Oftmals trauten sich die Bewohner nicht mehr in die Stadt, um nicht von den „Martinern“ (den Anhängern Martin Luthers) belästigt zu werden. In diesen unruhigen Zeiten führte Äbtissin Dorothea ihr katholisches Bollwerk im festen Glauben. Als 1537 ein Brand die Stadt fast komplett vernichtete, wurde das Kloster davon kaum betroffen. 1538 suchte die Pest das geprüfte Gemeinwesen am Bodden heim. Dieses Mal widerstand die Äbtissin nicht und starb. An ihrer Stelle wurde Ursula von Mecklenburg vom Convent zur Äbtissin gewählt. Bereits als 18-Jährige hatte Ursula die Position der Vikarin (Stellvertreterin der Äbtissin) übernommen. Sie sollte als letzte Äbtissin des St. Klaren Klosters in die Geschichte eingehen. Bis zu ihrem Tod 1586 führte sie das Kloster als Ort der Einkehr zu Gott. In jenem Jahr verließen die Franziskaner Ribnitz und das Kloster wurde in ein Damenstift umgewandelt. Bereits viele Jahre zuvor hatte die Ritterschaft im Zuge der Säkularisierung des kirchlichen Besitzes nach den Ländereien der katholischen Kirche gegiert. Doch im Falle des Ribnitzer Klosters einigte man sich, bis nach dem Tod der Äbtissin zu warten. Als dieser eintrat, erfolgte ein umfangreicher Umbau des Gebäudekomplexes. Das Damenstift diente nun als Versorgungseinrichtung für unverheiratete Töchter des mecklenburgischen Adels. Mit dieser Veränderung entspannte sich auch das Verhältnis zwischen dem ehemaligen Kloster und der Stadt. Von nun an lebte man redlich neben- und miteinander. Bis 1919. Nach der Novemberrevolution 1918 wurde das Damenstift aufgelöst und in Landeseigentum übergeben. Die adligen Damen behielten aber noch Wohnrecht bis an ihr Lebensende. Nach dem II. Weltkrieg wurde der Gebäudekomplex von der evangelischen und katholischen Gemeinde gemeinsam genutzt. Die letzte Domina, Olga von Oertzen, starb 1961. Auf dem Klosterhof ist eine Skulptur Reinhard Dietrichs, von der Pfeife rauchenden von Oertzen zu bewundern. Nachdem 1985 die Klosterkirche nicht mehr für Gottesdienste genutzt wurde, übernahm die Stadt Ribnitz-Damgarten das Gebäude und begann mit Instandsetzungsarbeiten an Dach und Türen. Eine Rekonstruktion des gesamten Gebäudekomplexes war bereits seit 1981 in Planung. 1987 konnten neue Räume im „Dominahaus“ dem „Bernsteinmuseum“ zur Verfügung gestellt werden. Die Arbeiten am Kloster zogen sich über zwanzig Jahre hin und förderten kostbare Schätze zutage oder machten sie der Öffentlichkeit wieder neu sichtbar. Der gotische Bau der Klosterkirche beherbergt heute das Renaissance-Grabmal der Äbtissin Ursula und die Ribnitzer Madonnen. Kunstgegenstände aus der Zeit des Damenstifts, wie den Domina-Stuhl und die 50 Wappenschilder, die bleiverglasten Fenster und vieles mehr. Der Klosterkomplex ist heute ein Ort der Kultur. So haben neben Wohnungen auch das Standesamt, das Stadtarchiv, die „Galerie im Kloster“, die Kreismusikschule, die Stadtbibliothek und die Kreisvolkshochschule ihren Platz gefunden.

Auf dem Klosterhof finden kulturelle Veranstaltungen wie die Weihnachtsmärkte statt. Vielleicht erlebt Ribnitz auch wieder einmal ein Klosterfest. Einen bedeutenden Platz „im Kloster“ nimmt das Deutsche Bernsteinmuseum ein. Da, wo einst innere Einkehr und Nähe zu Gott gesucht wurde, haben heute die „Tränen der Götter“ ihren Platz gefunden. Wie passend.