Den Katastrophen getrotzt

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Den Katastrophen getrotzt

„Ribnitz – die Perle am Bodden“ lautet ein Kapitel aus Hans Erichsons Katalog zur stadtgeschichtlichen Ausstellung des Bernsteinmuseums von 1997. Der Autor bezieht sich auf einen Prospekt des Ribnitzer Verkehrsvereins von 1925. Von einem Luftkurort war sogar die Rede. Die ehemalige wendische Siedlung hatte es scheinbar weit gebracht. Noch im 16. Jahrhundert wurde in der „Börgersprak“, einer mündlichen Gesetzesverkündung, festgelegt: „Den marckt sall man holden rein: Nemand schall werpen den mess öwer den rönstein.“ Es muss gestunken haben – wie in jeder mittelalterlichen Stadt.

Der Weg zum angeblichen Luftkurort dauerte nicht nur vierhundert Jahre, er war auch sonst mehr als beschwerlich. Allerdings sollte man bedenken, dass die Stadt Ribnitz bereits kurz nach seiner Gründung über umfangreiche Landbesitzungen verfügte, die über Freudenberg, Petersdorf, Neuhof und Klockenhagen bis zu Körkwitz, Dierhagen und Wustrow reichten. Von einem „Ostseebad Ribnitz“ ist mitunter zu lesen.

Es begann ja auch ganz hoffnungsvoll. Die Lage der Stadt war strategisch günstig. Zwar führte an ihr eine wichtige Heeresstraße vorbei, doch Ribnitz war gut zu verteidigen, die Moorlandschaft im Süden der Stadt stellte einen natürlichen Schutz dar. Den Status als Grenzstadt machte Ribnitz für die Fürsten und Heerführer attraktiv. 1286 verkauften die Brüder von Dechow auf Pütnitz der mecklenburgischen Stadt die Recknitzbrücke und so konnte sich Ribnitz die Zolleinnahmen sichern. Landwirtschaft, Fischerei und lokaler Handel blühten auf und fast hätte die Stadt auch am Fernhandel teilnehmen können, wenn nicht die Städte Rostock und Stralsund um 1400 die Durchfahrt zur Ostsee bei Wustrow (hier hatte Ribnitz seinen Seehafen) und Ahrenshoop zerstört hätten. Eine Tat, an der Ribnitz bis heute krankt. Ansonsten unterschied sich die Stadt nicht von vergleichbaren anderen. Das Zunfthandwerk und die Stände entwickelten sich. Es wurde mit dem Rat gestritten, um Fischgründe gezetert, geprasst und gelitten. Und immer wieder musste das Gemeinwesen nach Katastrophen unermüdlich wieder aufgebaut werden. 1384, 1455, 1537 und 1759 suchten verheerende Stadtbrände Ribnitz heim. Die Pestjahre von 1624 und 1627 rafften mit 448 Opfern fast die halbe Stadtbevölkerung dahin. Der 30-jährige Krieg im 17. Jahrhundert wogte auch in der Boddenstadt hin und her. 1627 zogen erstmals die Truppen des kaiserlichen Feldherrn Wallenstein durch die Stadt. Wallensteins Herrschaft über Mecklenburg erwies sich für Ribnitz jedoch noch am erträglichsten. Als die Schweden im September 1630 die Stadt eroberten, brach eine viel schwerere Zeit für die Mecklenburger an. Ribnitz hatte unter der Erstürmung stark gelitten, viele Häuser waren zerschossen, beschädigt und zum Teil niedergebrannt. 1637/38 war die schlimmste Zeit. Sowohl die Kaiserlichen als auch die Schweden brannten Dörfer nieder, trieben das Vieh weg, quälten Menschen und brachten sie um. „In Mecklenburg ist nichts als Sand und Luft, alles bis auf den Erdboden verheert; Dörfer und Felder sind mit krepiertem Vieh besäht, die Häuser voll toter Menschen, der Jammer ist nicht zu beschreiben“, beschrieb ein schwedischer General die Szenerie. Doch auch davon erholte sich die Stadt. Der 30-jährige Krieg war 1648 vorbei und 1700 hatte die Bevölkerungszahl wieder 1000 Bürger erreicht.

Das 18. Jahrhundert brachte einige Veränderungen. Um die Städte herum entstanden durch das „Bauernlegen“ große Gutshöfe in Mecklenburg und Vorpommern. Den leibeigenen Bauern wurden die Höfe weggenommen. Sie arbeiteten fortan als Tagelöhner auf dem Rittergut. Die Segelschifffahrt entwickelte sich vor allem auf dem Fischland und in Barth. In Ribnitz und Damgarten entstanden fünf Werften, die seefähige Segelschiffe herstellten. Die Hochzeit der Segelschifffahrt reichte bis in die zweite Hälfte des 19.Jahrhunderts. Gemeinsam mit der langen Friedenszeit (mit Ausnahme des Siebenjährigen Krieges von 1756 bis 1763), sorgte diese Entwicklung für ein Aufblühen der Stadt. Die Ribnitzer Kaufleute verdienten gut an der Beschaffung der Ausrüstung und der Lieferung von Proviant für die Schifffahrt.
Um 1840 wurde es zu eng in der von der ehemals schützenden Stadtmauer umgebenen Stadt. Die 2000 m lange Mauer wurde samt Marlower Tor abgebrochen, die Stadtwälle abgetragen und die Gräben eingeebnet. Ribnitz hatte wieder Platz zum Atmen. 1834 entstand ein neues Rathaus. Viermal brannten die Vorgängergebäude ab. Mit Dr. F. L. Nizze stand dem Ort ein Bürgermeister vor, der viel für die Entwicklung der Stadt getan hat. Zwischen 1840 und 1870 wuchs der Wohnungsbestand um 200 Häuser. Die Bevölkerungszahl stieg um 1867 auf 4694!

Doch wieder kündigten sich Veränderungen an, mit denen die Boddenstadt fertig werden musste. Die industrielle Revolution brachte eine gewaltige Umwälzung der bestehenden Verhältnisse mit sich. Bereits in den 40-er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde die neue „Kunststraße“ zwischen der bisherigen nördlichen (Klockenhagen, Hirschburg, Gelbensande, Niederhagen, Mönchshagen, Bentwisch) und der südlichen Route nach Rostock (über den Rostocker Landweg nach Petersdorf, über Willershagen, Volkenshagen und Bentwisch) fertig gestellt. Noch heute künden „Meilensteine“ an der
B 105 von dieser Zeit. Endlich führte die Poststraße durch die Stadt Ribnitz.
Mit dem Aufkommen des Dampfschiffes brach die Segelschifffahrt völlig ein. Die Werften in Ribnitz und Damgarten stellten ihren Betrieb um 1880 ein.

Am 1. Juni 1888 wurde hingegen die Eisenbahnstrecke von Stralsund nach Ribnitz eröffnet, ein Jahr später konnte mit dem eisernen Dampfross nach Rostock gereist werden. Die Wirtschaft blühte auf. Um den Bahnhof herum entstanden neue Straßen und Häuser. Nicht alle „Dampfross-Pläne“ gingen in Erfüllung. Während Damgarten einen Kleinbahnanschluss nach Barth bekam, trieben die Ribnitzer Stadtvertreter eine Bahnverbindung zu den Ostseebädern an. 1899 sollte die Bahn laut Plan bis nach Ahrenshoop führen. Zukunftsweisend wurde an eine elektrisch betriebene Verbindung gedacht. Dafür sollte ein Elektrizitätswerk gebaut werden. 1910 waren die Planungen soweit fortgeschritten, dass die Finanzierung gesichert war. Doch der I. Weltkrieg stoppte die Aktivitäten. 1925 hatten die Rostocker bereits eine Heidebahn nach Graal gebaut. Wieder eine verpasste Chance der Ribnitzer, die bis heute nur schwer zu verschmerzen ist. Ebenso im Sande verliefen die Planungen für eine Verbindung in Richtung Süden. Bad Sülze und Marlow hätten eine Eisenbahnverbindung bekommen können. Doch die Regierung in Schwerin winkte ab. Trotz dieser Rückschläge hat sich Ribnitz im 19. Jahrhundert gut entwickelt.
Wilhelm Rabe schrieb 1896 in der „Mecklenburgischen Vaterlandskunde“: „Ribnitz macht ganz den Eindruck einer Kleinstadt, die im Verhältnis zu ihrer Lage und ihrem Umfang in allen Einrichtungen sich der Zeit angemessen fortentwickelt hat. Die Stadt ist sehr regelmäßig gebaut, hat gerade und breite gut gepflasterte Straßen und in der Mitte einen großen Marktplatz.“

Im I. Weltkrieg verlor auch Ribnitz viele Söhne und Väter auf den Schlachtfeldern. Auf dem Marktplatz wurde ihnen zu Ehren ein Mahnmal errichtet, das die Nationalsozialisten 1938 abtrugen.
Die Verabschiedung einer neuen Städteordnung und die revolutionären Bewegungen von 1919 brachten erstmals Arbeiter ins Stadtparlament von Ribnitz. Die Weimarer Republik startete mit viel Hoffnung, auch wenn sie mit großen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hatte. Die demokratischen Vertreter des Stadtparlamentes gaben sich alle erdenkliche Mühe, die kleine Stadt Ribnitz weiter zu entwickeln. Eine Eisenbahnüberführung an der Bahnhofstraße wurde gebaut. 1929 wurde die Fischlandstraße eröffnet. Die beiden Schulen erhielten elektrisches Licht und Zentralheizung. Freudenberg wurde angekauft und 1929 begann der Bau des Wasserwerkes. Auf dem Köppenberg in Pütnitz hatte sich die Stadt ein Strandbad geleistet.

Ribnitz hat versucht, in schweren wirtschaftlichen Zeiten „dem Schicksal die Stirn zu bieten“ (Stadtverordneter Karl Krambeer 1932) und war 1932 pleite. „Gehen Sie unerschrocken auf ihr Ziel los“, rief er dem neuen Bürgermeister, Gerichtsassessor Decker zu. Mut ist bis heute eine gefragte Eigenschaft eines Bürgermeisters geblieben.