Der singende Bauer

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Der singende Bauer

Wie oft er das Lied schon gesungen hat? Hermann Jahnke lacht: „100 mal bestimmt pro Sommer.“ „Wo de Ostseewellen trecken an den Strand….“ – die vertonte Liebeserklärung der Heimatdichterin Martha Müller-Grählert an die Ostsee. Ein Lied, das den geborenen Prerower Hermann Jahnke durch sein Leben begleitet hat, das er immer wieder anstimmen musste und wollte, weil es genau das ausdrückt, was er und viele Menschen an der Ostsee fühlen: Heimatliebe!

Hermann Jahnke ist 91 Jahre und damit der älteste Prerower. „Ich bin in diesem Haus geboren und noch heute lebe ich hier“, sagt er stolz und schaut auf seine Frau Margot (89), mit der seit über 60 Jahren verheiratet ist und ein glückliches Leben verbracht hat. Ein Leben als Melker, Kaufmann, Tankwart und Sänger, Ehemann und Familienvater.

Die Zeiten waren nie einfach. Wer 1926 geboren ist, hat den Krieg erlebt und den schweren Anfang danach. Der Vater Albert Jahnke hatten im 1899 gebauten Haus (heute Hafenstraße 10) einen Kolonialwarenladen, den Sohn Hermann später übernehmen sollte. Vielleicht früher als geplant war es soweit: 1946 eröffnete er mit seiner Mutter das Geschäft. Der Vater kam erst ein Jahr später aus der Gefangenschaft. Hermann baute sich nebenbei eine eigene Existenz auf. Er kaufte eine Kuh. Daraus wurden dann zwei, drei, vier Kühe. „100 Liter Milch pro Tag habe ich manchmal verkauft“, erinnert sich Hermann Jahnke. Alles wurde in die 20-Liter-Kannen gefüllt und auf den Milchbock gestellt. Im Sommer mästete der Jungbauer Schweine. 1954 lernte Hermann seine Margot, die seit 1951 als Feriengast nach Prerow kam, kennen und ein Jahr später wurde geheiratet. Nun also zu zweit …

1960 änderte sich einiges. Der sozialistische deutsche Staat baut die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) auf. Wer nicht freiwillig mitmachte wurde „überzeugt“. Hermann Jahnke nahm auf einem LPG-Melkschemel platz. Margot begann 1961 bei der Tankstelle gegenüber. Ein neuer Lebensabschnitt. Nachdem Hermann wegen eines Bandscheibenschadens schon 1961 aus der LPG ausschied, stieg er halbtags bei der Tankstelle ein und erledigte die Buchführung. Zu der Zeit fuhr er schon mehrmals in der Woche nach Stralsund zur Gesangsausbildung. Singen? Ein singender Melker? Ja richtig. Hermann Jahnke hat eigentlich schon immer gesungen und wurde früh an die Musik herangeführt. Sein Vater sang ihm und seiner Schwester jeden Abend am Bett ein Lied vor. Lehrer und Kantor Fritsch führte die Erziehung zu Musik fort. Hermann Jahnke liebte es zu singen. So konnte es nicht mehr lange dauern, bis er angesprochen wurde. Die Lehrerin an einer Tanzschule entdeckte das Naturtalent und gab ihm den Tipp, sich in Stralsund ausbilden zu lassen. Hermann Jahnke sang vor und hatte einen Woche später einen Platz an der Musikschule der Hansestadt. Sieben Jahre lang ließ er sich ausbilden. Seine schönste Zeit, wie er jetzt rückblickend sagt. Auf der Landwirtschaftsausstellung in Merkleeberg tritt er als „Singender Bauer“ auf. Im Fernsehen präsentiert Heinz Quermann junge Talente: Hermann Jahnke ist dabei! Gemeinsam mit anderen Musikern absolviert er immer wieder Auftritte und gibt Konzerte. 1964 legt er in Berlin das Staatsexamen als Solist für klassisches Lied und Gesang ab. Auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst engagiert ihn der FDGB für Heimabende. Hermann Jahnke singt platt und rezitiert Martha Müller -Grählert. Das geht so bis 1982. Wieder ändert sich einiges. Die Jahnkes verlassen Minol im Streit. Kann der singende Tankstellen-Buchhalter auch Berufsmusiker sein? Bei der Konzert- und Gastspieldirektion in Rostock beantragt der Prerower seinen Berufsausweis. Es klappt. Von nun an singt er hauptberuflich: Volks-, Wein- und Seemannslieder. Oft geht es mit instrumentaler Begleitung zu dritt zu den Auftritten – manchmal fünf bis sechs Tage in der Woche. Auch am Heiligabend. Hermann Jahnke singt mit dem Darßer Volkschor als Solist, er fährt nach Pütnitz und singt vor der dortigen sowjetischen Fliegereinheit. Er tritt mit dem Erich-Weinert-Ensemble der NVA auf. Und immer wieder ist er auf Fischland-Darß-Zingst präsent. Die Familie Jahnke lebt im Haus der Vorfahren. Sohn Kersten heiratet Kirsten und Enkel Henrik spielt heute selbst in einer Band.

1991 ging Hermann Jahnke in Rente. Aber wer einmal Sänger war, der hört nicht einfach auf. „Ich habe neulich in der Kirche gesungen“, sagt er. Mit Pastor Reinhard Witte hat Hermann Jahnke einen Freund, der ihn immer wieder zum Singen animiert. Und immer wieder „Wo de Ostseewellen trecken an den Strand…“ – wie bei der Einweihung der neuen Flutmarke an der Friedhofsmauer. „Das macht einfach Freude“, sagt er. Freude haben auch die Mitglieder der Gesangsabende der Volkssolidarität. Alle zwei Wochen treffen sich die Chormitglieder und dann heißt es: „Hermann, stimm mal an…“ . Und Hermann Jahnke strafft sich und stimmt an.

 

Frank Burger