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Die Ära des Faserplattenwerkes

Die Grundsteinlegung für ein Faserplattenwerk auf dem Gelände des ehemaligen Bachmann-Werkes am 4. Dezember 1953 sollte sicherlich auch ein Akt mit hohem Symbolcharakter sein. Das Flugzeugwerk von Walther Bachmann brachte der Stadt Arbeit und Aufschwung. Doch es war auch Wohlstand auf der Grundlage von Produktion für den Krieg des nationalsozialistischen Deutschlands. Nun begann eine neue Zeit – auch für Ribnitz-Damgarten. Das Faserplattenwerk sollte der größte Arbeitgeber der Stadt und der Region werden.

Die Voraussetzungen waren günstig. Das Betriebsgelände lag direkt am Bodden und da keine ausgiebigen Wälder in der Nähe waren, wollte man Faserplatten aus Rapsstroh herstellen. Zwei Jahre dauerte der Aufbau des Betriebes. Am 16. Dezember 1955 wurde die Anlage angefahren.

Das erste Produktionsjahr war von vielen technischen und technologischen Störungen gekennzeichnet. Doch bereits 1957 wurden 6500m3 Platten mit einer Plattendicke von 4mm hergestellt. 420 Mitarbeiter wurden beschäftigt. Das Faserplattenwerk Ribnitz-Damgarten prägte von nun an immer mehr die Stadt. Wohnungen wurden gebaut, eine betriebliche medizinische Betreuung und Betriebskindergärten wurden eingerichtet. Der Busverkehr ist auf die Bedürfnisse des Werkes umgestellt worden. Der Absatz der Faserplatten lief gut und so wurde ab Juni 1957 das Vier-Schicht-System „Rollende Woche“ eingeführt. 1965 wurde eine Produktionskapazität von 17.150m3 erreicht. Die Qualität der Platten wurde immer weiter verbessert, doch mit dem Rohstoff Rapsstroh konnte keine weitere Steigerung erreicht werden. So wurde 1965 die gesamte Technologie auf Holz umgestellt. Die Leistung der Anlage erhöhte sich auf 22000m3 pro Jahr. Problematisch blieb über die gesamte Zeit des Bestehens des Faserplattenwerkes der Umweltschutz. Das Faserplattenwerk verschmutze die Boddengewässer immens. Eine Lösung war erst um die Wendezeit zur Realisation geplant.

1969 erfolgte ein weiterer Einschnitt in der Entwicklung des Betriebes. Heinz Dörffeldt und Werner Sedlacek arbeiteten an der Herstellung einer neuen Faserplatte: der Mitteldichten Faserplatte (MDF). Gleichzeitig begann der Aufbau eines Produktionszweiges zur Herstellung von Wohn- und Schlafraummöbeln. Das Werksgelände wurde auf 50 ha erweitert. Zudem erfolgte eine Kooperation mit westdeutschen und schwedischen Unternehmen. Nur mit einiger Mühe konnte im Dezember 1972 der Probebetrieb für die MDF-Anlage aufgenommen werden. Trotz aller Probleme wurde die Herstellung von MDF-Platten auch europaweit ein voller Erfolg. Das wurde auch von Partei und Staat mit Auszeichnungen wie „Banner der Arbeit“ und „Karl-Marx-Orden“ honoriert.

1979 wurde das Möbelkombinat Ribnitz-Damgarten gegründet. Das Faserplattenwerk war Stammbetrieb des Möbelkombinates, das des Weiteren aus den Betriebsteilen Wohnraummöbel Ribnitz-Damgarten, Ribnitzer Polstermöbel und Ingenieurbüro für Rationalisierung bestand. Das Möbelkombinat produzierte an 71 Produktionsstätten in den Bezirken Rostock, Schwerin und Neubrandenburg. Mit der Vergrößerung des Faserplattenwerkes entwickelte sich auch die Stadt Ribnitz-Damgarten immer weiter. Sport- und Kulturgemeinschaften entstanden und prägten die Stadt. Stellvertretend sei die Sektion Boxen genannt, aus der der erfolgreiche Boxer Richard Nowakowki hervorging. Aus der Tanzsportgruppe des Faserplattenwerkes entstand das Richard-Wossidlo Ensemble. 1983 arbeitete jeder zehnte Einwohner der Boddenstadt im Faserplattenwerk. Die Betriebsangehörigen des Werkes hatten auch in den 80-er Jahren immer wieder mit Schwierigkeiten und Problemen zu kämpfen. Mit viel Engagement konnten immer höhere Produktionszahlen erreicht werden. 1989 stellte das Faserplattenwerk 26.630m3 Hartfaserplatten, 171350m3 MDF-Platten und 7,1Millionen m3 Möbelbauteile her.

Mit der Wende musste die Kombinatsstruktur den neuen Bedingungen angepasst werden. Es entstanden sieben GmbH. Aus dem Faserplattenwerk wurde die Holzwerkstoff GmbH Ribnitz-Damgarten (HORIDA) mit 1702 Mitarbeitern. Doch der osteuropäische Markt brach zusammen und auch die Zulieferer für das Werk in Ribnitz-Damgarten hatten Produktionsprobleme. So musste Konkurs angemeldet werden. 1991 entstand die Bestwood GmbH mit nur noch 505 Mitarbeitern. Doch auch dieser Versuch scheiterte. Die Erzeugnisse hatten Absatzprobleme und die Herstellungskosten waren einfach zu hoch. Von den Fördermitteln wurden ins neue Werk veralterte Anlagen eingebaut. 1994 wurde das Land Hauptgesellschafter. Weitere Fördermittel wurden nicht ausgereicht. Am 4. Dezember 1995 wurde Konkurs eingereicht. Weitere Versuche, einen Fortbestand des Werkes zu sichern, scheiterten. Bestwood stellte die Produktion ein. Die Belegschaft besetzte daraufhin den Betrieb für 359 Tage. Am 21. Juni 1997 löschten die letzten Mitarbeiter das Mahnfeuer. Die „Fusselbude“ hatte aufgehört zu existieren. Eine Ära war zu Ende.