Die Heiden vom Kummerow

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Die Heiden vom Kummerow

 

Jedes Jahr dieses „Locken“! Seit 14 Jahren nun schon! Holger Schulze lockt mit seinem charmanten Lächeln, mit dem Schalck in den Augen und seinem unerschütterlichen Optimismus. Vor allem aber lockte er mit den Darß-Festspielen Urlauber und auch Einheimische erst nach Wieck und jetzt nach Born. „Die Darßer Schmuggler“ lassen Regionalgeschichte auf der Freilichtbühne (Open–Air) in Wieck lebendig werden. Gemeinsam mit anderen Konzerten und Aufführungen werden die Darß-Festspiele ein Erfolg, auch wenn das Ensemble nach Anwohnerprotesten nach Born ausweichen muss. Hier findet das Ensemble seine Heimstatt. Nach Ausflügen in die Pension Schöller, ins Weiße Rössl und nach einem Raub der Sabinerinnen, stehen seit 2013 die „Heiden von Kummerow“ auf dem Spielplan. Wohl mit so viel Spaß, dass in diesem Jahr die 5. Auflage in Born gezeigt wird. Nun also „Krischan und die gekaufte Braut“.

Ich gebe zu: Ich habe ein paar Jahre unentschuldigt gefehlt, doch im Herzen war ich immer ein Kummerower Schmuggler, der zusammen mit den Sabinerinnen die Pension Schöller gesucht und im Weißen Rössl Unterschlupf vor Regen und Mücken gefunden hat. Und immer, ja immer, habe ich mich im Geiste vor dem strengen Blick von Herbert Seidel gefürchtet, hinter Sonja Hahms großer Schürze Schutz gesucht und bin nur knapp dem dauersprechenden D-Zug-Flummi Petra Schwaan-Nandke entkommen und habe mich dabei schenkelklopfend halb totgelacht.

Ich lebe noch. Und das Schicksal will, das ich das Schicksal wieder herausfordere. Also los zu einer Aufführung an einem lauen Augustabend in hochdeutsch (man muss ja nicht gleich übertreiben). Ich sitze eine Stunde vor Beginn der Aufführung im Auto auf dem Parkplatz vor der Kurverwaltung und wähne mich mitten im Osterspaziergang aus Goethes Faust. Ein buntes Gewimmel drängt sich an mir vorbei, formiert sich fast zu einem Demonstrationszug. Fängt die Aufführung vielleicht früher an? Nein, eine lange Schlange vor dem Kassenhäuschen. Karten kaufen, Karten abholen, Sitzkissen ordern, dann links um, um Essen und Trinken zu fassen. Bockwurst, Gulasch- und Fischsuppe zum Beispiel. Gutes Bier am Nachbarstand. Die „Pausenbrigade“ voll in Arbeit. Derweil sitzt draußen ein Teil der Mimen-Crew relaxt am Brotzeittisch und wartet auf einen freien Platz in der Maske. Sonja Hahm, die mächtige Frau, die sich nicht „die Butter vom Brot nehmen lässt“, wirkt vollkommen ungefährlich und plaudert mit Pastor Heribert Gietz. „Weniger Mücken, mehr Zuschauer“, das würde sie sich wünschen. Die Stralsunderin darf sich alles wünschen, denn sie ist seit 2003 dabei. Ihre letzte Saison, sagt sie, dann sei Schluss. Das gilt auch für „Eiken Hans“ Herbert Seidel, der bei den Kummerowern den Dorfpolizisten gibt. Beide Mitglieder der „Plattdütsch Späldäl to Stralsund“ sind Marken-Gesichter der Darßfestspiele. Im nächsten Jahr dann eben ohne sie. Alles ist im Wandel. Ein steter Ausgleich zwischen Tradition und Moderne. Ganz neu ist in diesem Jahr das feste Dach für die Zuschauer. Was für ein beeindruckendes Bauwerk (ohne Ironie)! Dem Regen ist ein Schnippchen geschlagen, den Mücken noch nicht.

Eine Einspielmusik verkündet den baldigen Beginn des Spektakels. Sylvia Karow, Produktionsleiterin der Darß-Festspiele und selbsternannte „Nachdemrechtenkieker“ (T-Shirt-Rückenaufschrift) hat mir einen Platz in der ersten Reihe reserviert (Danke, sehr aufmerksam). Neben mir Torsten Reißner (51) aus Ludwigslust. Der Heizungsbauer ist ein Freilufttheater-Fachmann, wie sich herausstellt. Er war bereits 2016 hier und dieses Jahr sah er schon „Störtebeker“ in Ralswiek und „In Sachen Adam und Eva“ in Wolgast. Hinter mir freut sich schon eine Großfamilie aus Hamburg mit vier Kindern auf den Beginn. Immer, wenn ein Schauspieler hinter den Kulissen hervorlugt, ist das entdeckende Vergnügen laut zu hören. Die Zuschauerreihen scheinen gut gefüllt, doch in den hinteren Reihen ist noch viel Platz. „Wann geht es los?“, fragt die kleine Eva (5) noch und dann kommt der Polizist Herbert Seidel auf die Naturbühne. Der „Lampenmann“ dreht das Licht auf und das Spiel nimmt seinen Lauf.

Die erste Szene ist noch nicht zu Ende, da brandet schon Szenenbeifall auf. Das Knatterauto des Superintendenten Sanftleben verbreitet viel Freude.  Das Publikum lässt sich leicht an die Hand nehmen beim Spiel um die Kummerower Heiden, die eigentlich die „Gerechten von Kummerow“ sein wollen und Krischan Klammbüdel, der so gerne eine Frau an seiner Seite haben möchte. Kleine Gags, vergnüglich mit „Hochphilosophie“ vermischt, werden gern angenommen. Denn „die Welt ist schöner und bunter, wenn man sie verkehrt rum anschaut“. Die Stimmung ist prima im Publikum.

„Hauptsache kein Locken dieses Jahr!“ Wie bitte? Und dann ist da diese Auguste Grambauer. DIE Rolle für Petra Schwaan-Nandke, auch so ein Marken-Gesicht der Darß-Festspiele. Die quirlige Frau und stetiger kloppender Widerpart von Sonja Hahm fehlt in diesem Jahr aus Krankheitsgründen. Gute Besserung. In die übergroßen Schuhe traute sich Doris Pagel! Die Prerowerin absolvierte das Unmögliche mit Bravour! Chapeau!

Mit „Anne-Marie kum danz mit mi“ geht es in die Pause. Mitten im tanzenden Ensemble der Borner Bürgermeister Gerd Scharmberg mit der schönsten Frisur des Abends. Die Rolle des Wirts und Dorfschulzen ist ihm wohl auf den Leib geschrieben worden.

Torsten Reißner neben mir ist ganz begeistert! Er kommt aus dem Grinsen gar nicht mehr raus. „Es ist super“, urteilt er fachmännisch.

Bei der „Pausenbrigade“ wird an den Imbiss-Ständen sächsisch gesprochen. Thomas und Dorothea Krausch kommen aus Weinböhla bei Dresden. „Wir machen Urlaub in Wieck und sind das erste Mal hier in so einer Vorstellung“, sagt Dorothea Krausch und ihr Mann fügt hinzu: „Wir kennen den Film. Der müsste in der Schule Pflicht sein“, sagt er. Und: „Das Bühnenbild ist herrlich. Die Kirche, die Vogelscheuche – wie im Film.“ Im Hintergrund entspinnt sich ein angespannten Fachgespräch zwischen einer Besucherin und einem Pausenbrigadist, was denn eine „Butterbrezel“ sei. Mahlzeit.

Dann also lieber schnell in die zweite Halbzeit. Das Stück nimmt Fahrt auf – auch ohne Tucktuck-Auto. Frauen im Wet-Look, Frauen zum Speed-Dating in der Kirche, Schlägerei unter Teenies, ein Superintendent, der den Mücken den Kampf ansagt und endlich von Adele Kienbaum (Sonja Hahm) wachgeküsst wird. Gespielte Witze (Beißen sie? Neee, sie können mich ruhig streicheln!) reihen sich in Dialogform und fordern das Zwerchfell, Besäufnis mit Zechprelle beim Wirt, und dann ENDLICH das Locken. Ahhhhh, eine jährlich wieder kehrende Single-Börse up´n Dörp! Ein Hin- und Her-Gerufe und -Gesinge! Ein Hin-und Her-Getanze (Herrlich!) Bis zum Schluss Klammbüdel (Helge Koch / endlich wieder Krischan)) und seine Königin Luise Bärensprung (Karin Katzke) sich „kriegen“. Der König und seine Königin up´n Dörp!

Und wieder tanzen und diese herrliche Musik dazu!

„Schlussvorhang“ – Verbeugung – Jubelndes Publikum.

Fritz (8) aus der kinderreichen Familie aus Wohltorf bei Hamburg zeigt mir zwei Daumen. Mutter Ingrid: „Der Hammer – wir haben bis jetzt alle Folgen gesehen.“

Vater Martin: „Die Mischung aus Profis und Amateuren ist sehr gelungen. Die Kinder werden von Jahr zu Jahr besser. Die Musik ist im Gegensatz zum Vorjahr viel passender.“

Eine Frage noch: Warum ist denn nun der Herbst die beste Jahreszeit?

Pastor Breithaupt: „Es ist das Entstehen. Das Atmen, das in der Nacht lebt!“

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Atmen nicht vergessen!