Die Segelschifffahrt – eine segensreiche Zeit

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Die Segelschifffahrt – eine segensreiche Zeit

Wir schreiben das Jahr 1871. Die Stadt Barth ist die zweitgrößte preußische Reedereistadt in Bezug auf die Anzahl ihrer Schiffe. Barth besitzt über 200 Seeschiffe, 16 Küstenschiffe und fünf Dampfer. 18 Reedereien haben ihren Sitz in der Boddenstadt. Die größte ist die von J.N. Rodbertus, Kaufmann und Kämmerer und später Königlicher Kommerzienrat. Fünf Werften bauen fieberhaft neue Segelschiffe. Barther Schiffe sind auf allen Weltmeeren zuhause. Das größte je in Barth gebaute Schiff wird 1878 auf der Schiffswerft von Jacob Kraeft vom Stapel gehen. Der Stolz der Stadt ist die „Commerzienrath Rodbertus“, ein 784-Tonnen-Segler, 44m lang, 9,3m breit, mit einer 14-Mann-Besatzung. Von 1863 bis 1924 wurden auf einer Seefahrtsschule Kapitäne und Steuermänner ausgebildet. Barths Zukunft sieht rosig aus.

Doch die hochfliegenden Träume versandeten buchstäblich. Bereits das erste seegängige Schiff, 1727 auf der Werft an der Barthe erbaut, hat mit den Gegebenheiten der Natur zu kämpfen. Aufgrund der nicht ausreichenden Tiefe des Boddens musste das Schiff im „Barther Tief“ an der Südspitze von Hiddensee mit Korn für Schweden beladen werden. Der Kampf der See- und Handelsstadt Barth mit dem Sand, dem einzigen Handicap der Stadt begann. Barth hatte im 18. und 19. Jahrhundert beste Voraussetzungen zukünftig im Konzert der großen Städte eine wichtige Rolle mitzuspielen. Der damalige schwedische König deutscher Herkunft Friedrich I. zeigte großes Interesse am pommerschen Landesteil. Auf die Nachfrage seiner königlichen Hoheit, wie den Barthern geholfen werden könne, nannten diese die Aufgrabung des Prerow Stromes oder die Verbindung des Straminker Tiefs mit der Ostsee. 1625 hatte eine Sturmflut die „Alte Straminke“ mit der Ostsee verbunden. Doch diese Stelle versandete im Laufe der Jahre wieder. Dem schwedischen König schien diese Bitte wohl etwas zu teuer und eine Antwort auf das Bittgesuch blieb aus. Doch der Barther Schiffbau entwickelte sich dennoch weiter. 1782 besaßen 37 Barther Schiffer bereits 40 Schiffe mit einer Gesamttraglast von 4648 Tonnen. Allerdings: die größeren Schiffe mussten immer noch am Gellen be- und entladen werden. Die Napoleonischen Kriege Anfang des 19. Jahrhunderts boten Barth eine neue Gelegenheit, gegenüber den größeren Konkurrenten aufzuholen. Die Reedereien zogen sich aus Sicherheitsgründen in die kleine Stadt zurück, da diese von den Wechselfällen des Krieges weniger ausgesetzt war. 1815 kam Barth zu Preußen. Zu dieser Zeit zählten man 65 Schiffe in der Boddenstadt. Zunächst wirkte sich dieser Wechsel negativ auf die Barther Schifffahrt aus, denn die Preußen konnten den Reedereien keine Begleitbriefe, so genannte Türkenpässe, für das Mittelmeer ausstellen. Als jedoch die englische Handelsbeschränkung (nur englische Schiffe konnten Waren von englischen Kolonien abholen) aufgehoben wurde, hob sich Seehandel und Schiffbau der Stadt schnell zu ungeahnter Blüte. Die Kriege gegen Dänemark (1864) und Österreich (1866) spürte die Stadt nicht und auch der Deutsch-Französische Krieg (1870/71) verursachte keinen Schaden. In Barth wurde eine Werft nach der anderen eröffnet. Die bekanntesten war die Werften von Ernst Christoph Niemann bzw. Jacob Kraeft und der Familie Holzerland.
Ernst Christoph Niemann begann mit dem Schiffbau 1840 am Trebin. Es entstanden seegängige Segelschiffe bis zu 500 Tonnen Traglast. Im Jahr 1854 übernahm Jacob Kraeft, der Schwiegersohn von Ernst Christoph Kraeft, die Werft. In seiner Zeit wurde die „Commerzienrath Rodbertus“ gebaut. Doch obwohl Kraeft auch das zweitgrößte Segelschiff der Stadt Barth baut (Bark „Marie Berg“ 740 T) kommt der Schiffbaumeister finanziell nicht über die Runden. 1890 erhält Kraeft die Kündigung der Stadt, da er eine Schuld von 450,54 Mark nicht aufbringen kann. Anders ergeht es der Holzerlandschen Werft. 1853 übernahm Johann Holzerland den traditionsreichen Werftstandort an der Barthe. 25 seegehende Segelschiffe entstanden bis 1867. Dann zog Holzerland an den Barther Bodden, an den heutigen Werftstandort am Dammtor. Damals wurde er Nachbar der Schlör-Witte-Schlör Schiffswerft. Die blühende Werft“industrie“ verlangte immer deutlicher nach einer Ausbaggerung der Fahrrinne zum Gellen. Immer wieder wandte sich die Stadt an die Regierung. Erst 1861 übernahm die Regierung auf Staatskosten die Vertiefung der Fahrrinne. Zwei Jahre später freuten sich die Barther sehr, als endlich mit der „Fanny Saalfeld“ (565 T) ein größeres Schiff in den Bodden zur Ausbesserung in die Witteschen Werft gezogen wurde. 1886 hatte Barth mehr Schiffe als Stralsund. Doch bereits in der höchsten Blütezeit der Stadt Barth kündigte sich das drohende Unheil in Form des technischen Fortschritts bereits an. Am 1. Juli 1858 begrüßten die Barther enthusiastisch den ersten eisernen Dampfer. Die „Fortuna“ machte ihre ersten Fahrten von Zingst über Barth nach Stralsund. Eine Dampfschiffskompagnie wurde gegründet und 1910 fuhren sechs Dampfer Frachtfahrten bis nach Stettin und Ausflügler in die Region zwischen Prerow und Rügen. Die Segelschifffahrt wurde immer mehr zurückgedrängt. 1900 hatte Barth nur noch 21 Seeschiffe. Eine Werft nach der anderen machte zu. Diese Krise wirkte sich auch auf das städtische Leben aus. Viele Handwerker, die der Seeschifffahrt zulieferten, hatten kein Auskommen mehr. Bis 1936 hielt sich jedoch die Holzerlandsche Werft unter den Söhnen von Johann Holzerland Carl Holzerland sen., der Ehrenbürger der Stadt Barth wurde, und Carl Holzerland jun., der 1936 ohne Nachkommen starb. 98 Segelschiffe wurden unter der Familie Holzerland gebaut. Die Werft wurde vom Schiffbaumeister Gustav Sanitz, der vor allem nach dem Krieg Holzkutter fertigte, gepachtet. Als Sanitz 1953 die DDR verließ, kaufte der VEB Bootsbau und Reparaturwerft Barth von Margerete Kurzweil, die Schwester von Carl Holzerland jun., die Werft ab.
Die Geschichte der See- und Handelsstadt Barth war in vielen Jahren eine glorreiche. Gescheitet ist sie letztendlich an den natürlichen Gegebenheiten. Die geringe Tiefe des Boddens machte immer wieder ein Vertiefen der Fahrrinne notwendig. Die hohen Kosten konnte eine kleine Stadt nicht aufbringen. Größere Segelschiffe über 800 T Nutzlast oder gar moderne, große Handelsschiffe im Barther Hafen blieben eine Illusion. Doch der Traum von der See- und Handelsstadt Barth ist hier und da noch nicht ausgeträumt. Im Lauf der Jahrhunderte verstanden es die Barther immer wieder, günstige Zeiten für sich auszunutzen. Warum soll denn der Durchstich bei der „Alten Straminke“ nicht einmal Wirklichkeit werden? Der kürzeste Weg von Berlin nach Kopenhagen führt mit 310 km über Barth. Vom Hafen der Boddenstadt bis zur Ostsee sind es bei einem Durchstich nur 9 km. Die Zufahrt zum Stralsunder Hafen auf dem Strelasund beträgt 24 km. 1922 schrieb J. Lüdemann in „Stadt Barth – unser Pommernland“: „Aber es wird, es muss einmal wieder anders werden. Das alte Seemannsblut fließt noch in unseren Adern.“