Ein Haus – gestaltet um ein Buch herum

Kategorie

Tags

Verwandte Artikel

Ein Haus – gestaltet um ein Buch herum

Wer kauft schon in Zeiten klammer Stadtkassen eine alte gebrauchte Bibel? Mathias Löttge, Barther Bürgermeister, handelte schnell, als er im November 2003 davon hörte, dass der Greifswalder Antiquar und Buchhändler Ulrich Klose eine so genannte „Barther Bibel“ von einem Auktionshaus in Stuttgart ersteigert hat. Gemeinsam mit der Leiterin des Vineta-Museums, Melanie Ehler, ließ Löttge nicht locker und erwarb das wertvolle Buch für „deutlich unter dem Antiquariatspreis“. Jetzt hat die Boddenstadt zwei dieser wertvollen Drucke.

Die „Barther Bibel“ wurde in der vorpommerschen Kleinstadt zwischen 1584 und 1588 in zirka 1000 Exemplaren für den pommerschen Bereich in Niederdeutsch gedruckt. Heute existieren noch zirka 20 Exemplare davon. Der vorpommersche Herzog Bogislaw XIII. gründete 1582 die „Fürstliche Hofdruckerei“, aus der in den 22 Jahren ihres Bestehens eine Reihe von Schriften und die berühmte „Barther Bibel“ hervorgingen.

Das Niederdeutsche Bibelzentrum St. Jürgen Barth ist aus der Idee entstanden, die „Barther Bibel“ auf besondere Weise zu präsentieren.

Besonders geeignet für diese Präsentation schien der Evangelischen Kirchengemeinde St. Marien ein Gebäude in der Sundischen Straße. Außerhalb der Stadtmauern lag im14. Jahrhundert ein Siechenhaus, das vorwiegend Lepra- und Pestkranke beherbergte. Das Hospital St. Jürgen in Barth wurde 1322 erstmals urkundlich erwähnt.

Zehn Jahre dauerte es, bis 1998 das Geld für den Umbau des zu DDR Zeiten als Wohnhaus genutzten Gebäudes bereitgestellt werden konnte. Am 31. Oktober 2002 wurde das Niederdeutsche Bibelzentrum St. Jürgen feierlich eingeweiht. Das Haus, „das um die Barther Bibel gebaut wurde“, war fertig. Ein wenig auf Neugier, Überraschung sollte der Besucher eingestellt sein. Wer den kostbaren Druck betrachtet und danach den „Blick zu Gott“ wagt, schaut auf eine moderne Bildschirmpräsentation in der nächsten Etage.
Natürlich gibt es im Haus einen Einblick in ein Krankenzimmer, der Besucher kann sich über die Reformation in Pommern erkundigen, ein Klingelbeutel ist ausgestellt, eine Nachbildung der Guthenbergschen Buchpresse ist zu bewundern und wenn Johannes Pilgrim, pädagogischer Mitarbeiter im Bibelzentrum, das Vaterunser auf Niederdeutsch rezitiert, dann weht dem Zuhörer in dieser Sprache ein Hauch Europas an. Der Atem stockt aber, wenn Pilgrim das Scriptorium mit dem Bücherschrank von Johannes Block, dem ersten reformatorischen Pastor der Stadt Barth, präsentiert: hier lagert die Original-Bibliothek des Kirchenmannes, der bereits zu seiner Zeit 123 Bücher besaß.
Wen die Historie jetzt den Atem verschlagen hat, dessen Puls schlägt höher in einem Raum voller Rechner, die Moderne ist hier ebenso zu Hause. Schon gewusst, was Jesus Christus mit einem Fisch zu tun hat? Sie bekommen Aufklärung! Haben Sie bisher zuwenig mit den Händen agiert? Können Sie haben! In einem Raum liegen Würfel. Puzzeln Sie oder Ihre Kinder ein beliebiges Bild der Entstehungsgeschichte, die Barther Kinder gemalt haben, zusammen. Und wenn Sie mit den sechs Tagen fertig sind, dann setzen Sie sich auf einen Würfel und ruhen am siebenten Tag aus. Nur nicht träge werden, denn in einem weiterem Raum wartet die nächste Kostbarkeit: eine Halberstädter Bibel aus dem Jahr 1520 in Niederdeutsch. Oder wie wäre es mit einer Bibel auf chinesisch oder bengalisch?
Für die Gestaltung der unteren Etage zeichnet der Grafikdesigner Wolfgang Sohn verantwortlich, während die obere Etage vom Designer-Ehepaar Ute und Gerhardt Ostertag aus Stuttgart gestaltet wurde. Dort erwartet uns eine moderne Rauminstallation. Was ist Wahrnehmung? Was sind Scheinwelten? Leben wir in Scheinwelten? Schrille Farben, schrille Installationen. Farben und Lichter gilt es zu entdecken. Das Bibelzentrum ist jugendlich. Mit Johannes Pilgrim spazieren wir durch den Bibelgarten. Hier wachsen Pflanzen, die in der Bibel vorkommen und Klosterpflanzen. Fenchel, Schafgarbe, Rosmarin, Raute, Feige, der Brennende Busch, die Kichererbse und die Kugeldistel. Doch dann fällt der Blick auf ein modernes Gebäude. Im Januar 2004 konnte das neue Seminarzentrum auf dem Gelände in der Sundischen Straße eröffnet werden. Es soll vor allem der Jugend dienen, der Begegnung miteinander und mit Gott.

Bei aller Moderne: es geht um die Bibel. In Barth ist die Barther Bibel von 1588 modern.