Kategorie

Schlagworte

Verwandte Artikel

Eine neue Zeit

Aus dem „totalen Krieg“ ist die totale Niederlage geworden. Deutschland wurde in vier Besatzungszonen aufgeteilt. In der sowjetischen hatte die Sowjetische Militäradministration (SMAD) die Befehlsgewalt. Auch in Ribnitz regelte eine Kommandantur das Leben. Doch von den Geschichtsbüchern der DDR-Zeit verschwiegen und auch von den Opfern wenig thematisiert: willkürliche Verhaftungen, Vergewaltigungen und Drangsalierungen mussten die Verlierer des Krieges über sich ergehen lassen. Der Krieg verändert Menschen, traumatisiert sie. Auf der Opfer- und auf der Täterseite. Wer mit der Niederlage und deren Folgen nicht leben konnte, nahm sich das Leben. Auch in Ribnitz. Alle anderen versuchten ein neues Leben aufzubauen – in einer veränderten Welt. Die bestimmte zunächst die SMAD. Als erster Bürgermeister wurde der Kommunist Otto Pfuhl eingesetzt. Wer arbeiten und gut organisieren konnte, Ideen hatte und tatkräftig war, wurde per Befehl vom sowjetischen Kommandanten eingesetzt. Hans Erichson beschreibt in seinem Buch „Zur Geschichte der Städte Ribnitz und Damgarten“ die Zeit nach dem Krieg sehr anschaulich. Er zitiert historische Quellen wie aus den Mitteilungsblättern der Stadtverwaltung Ribnitz und interviewte Zeitzeugen. So einer war der Bachmann-Ingenieur Richard Markmann. „Du bringst die Wasserversorgung und Stromversorgung wieder in Ordnung“, „Du reparierst die landwirtschaftlichen Maschinen“, wies man ihn an. Richard Markmann brachte in Ordnung, reparierte. Gemeinsam mit arbeitslos gewordenen Arbeitern der Bachmann-Werke. Das Flugzeugwerk wurde als Reparationsleistung abgebaut. Walter Bachmann kämpfte noch lange erfolglos um die Rückgabe seines Werkes.

Das Tägliche musste organisiert werden. Aus Flugzeugblech und Leichtmetall entstanden Betten, Töpfe, Kannen und andere Haushaltsgeräte. Hans Erichson führt viele Beispiele auf, die das alltägliche Leben beschreiben: es gab nicht genug zu Essen, Kleidung fehlte, Brennmaterial war knapp, Strom nur zeitweise nutzbar. Wer reisen wollte, brauchte einen Entlausungsschein. Aus dem Osten kamen Flüchtlinge und Vertriebene in die Stadt. Die Einwohnerzahl stieg auf 10710 (1939=7707). Es herrschte größte Wohnungsnot. Am 22. Juni 1946 veröffentlichte die Stadtverwaltung einen „Aufruf zur Solidarität“ mit den Umsiedlern. Sie sollten ja nicht nur untergebracht, sondern auch menschenwürdig leben. Nach und nach konnte immer mehr Normalität hergestellt werden. Die Sparkasse eröffnete am 2. Mai 1946, das Leinenhaus Max Hauer bietet Damen-, Herren- und Kinderwäsche an. Tapeziermeister Hans Bauer nahm seine Arbeit auf. Gaswerk und Tankstelle arbeiteten. Sogar Tanzlehrer Schröder begann im Juli 1946 mit einem Kursus für Tanz- und Anstandslehre.

Ein dunkles Kapitel in der Geschichte nicht nur der Städte Ribnitz und Damgarten waren die Verhaftungen durch die Sowjetische Geheimpolizei GPU. Viele Männer aus den beiden Städten wurden ohne einen erkennbaren Grund verhaftet, ins berüchtigte Lager „Fünfeichen“ bei Neubrandenburg verschleppt und teilweise sogar nach Sibirien deportiert. Oft erfuhren die Angehörigen vom Verbleib ihrer Männer erst durch aus den Lagern geschmuggelte Kassiber. Am 1. Januar 1946 wurde solch ein Kassiber aus Fünfeichen geschmuggelt, den der Damgartener Hans Krempien geschrieben hatte. 25 Männer aus Damgarten unterschrieben die „nachträglichen Weihnachtsgrüße“. Es gehe ihnen gut, stand da. In Wirklichkeit litten viele an Hunger und Krankheiten. Nicht wenige kamen überhaupt nicht mehr wieder. Diejenigen, die diese Tortur überlebten, wie Hans Krempien, kamen als gebrochene Männer wieder und durften noch nicht einmal von ihrem Leid berichten.

Tragisch ging auch das Leben des ersten demokratisch gewählten Bürgermeisters zu Ende. Nachdem sich im ersten Jahr nach dem Krieg Parteien wir KPD und SPD wieder gegründet hatten und zur SED fusionierten, die FDJ, der Kulturbund und der FDGB entstanden, fanden im Sommer/Herbst 1946 die ersten Kommunal- und Landeswahlen statt. An ihnen nahmen auch die neu gegründeten Parteien wie die CDU und die LDPD sowie die „Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe“ teil. Die SED ging aus diesen Wahlen als Wahlsieger hervor. Von einer Unterstützung der SMAD für die neue SED kann ausgegangen werden. Am 15. September 1946 wurde der Zimmermann Hermann Mevius von der Stadtverordnetenversammlung Ribnitz zum ersten demokratisch gewählten Bürgermeister ernannt. Hermann Mevius gehörte zu den Mitbegründern der SPD in Ribnitz. Er arbeitete bereits vor und kurz nach dem Krieg in der Stadtverwaltung und gehörte zum paritätisch zusammen gesetzten Vorstand der SED in Ribnitz. Mit dem Amt des Bürgermeisters hatte er eine schwere Aufgabe übernommen. Es mangelte immer noch an vielen Dingen. Organisations- und Improvisationstalent waren gefragt. So organisierte Hermann Mevius mittels eines Tauschgeschäftes Reifen aus Lübeck für die Ribnitzer Fuhrunternehmer, stabilisierte die Wasserversorgung, baute ein Krankenhaus auf dem Gelände des ehemaligen Bachmann-Werkes. Dennoch wurde Hermann Mevius 1949 aus der Partei ausgeschlossen. Den Genossen passte einiges nicht. So hatte Mevius Reifen und Zement vom Großkapital (Lübeck) organisiert, der Bürgermeister stellte seinen Dienstwagen der SED-Ortsleitung nicht zur Verfügung, er war nicht Mitglied der „Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft“ und er unterhielt Verbindungen zur SPD im Westen. Das reichte für einen Parteiausschluss. Hermann Mevius nahm sich in einem See in Freudenberg das Leben. In seinem Abschiedsbrief an seine Familie schrieb er: „Ich habe nichts Unrechtes getan und immer versucht, das Beste für die Stadt zu tun. Ich habe keinen Pfennig unterschlagen. Ihr könnt mit erhobenem Haupt durch die Stadt gehen.“ Hermann Mevius wurde 57 Jahre alt und unter großer Anteilnahme der Bevölkerung begraben.