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Eine sozialistische Kreisstadt

„Unsere Kreisstadt ist heute eine pulsierende, vorwärts strebende, alte und junge Stadt mit 17 500 Einwohnern, das politische, ökonomische und kulturelle Zentrum des Kreises“, schrieb J. Busch 1983 in der Festschrift zum Stadtjubiläum der Stadt Ribnitz-Damgarten. Sieben Jahre später ging die Kreisstadt des Kreises Ribnitz-Damgarten den Weg in die Marktwirtschaft.

Das System „Sozialismus“ unterlag. Viele meinen, nicht das System, sondern dessen Umsetzung. Doch gleich bei welcher Interpretation: die sozialistische Kreisstadt Ribnitz-Damgarten war Teil dieses Systems und so ist auch alles Geschriebene und Gesagte aus dieser Zeit einzuordnen. Im Rückblick kommt einem manches was wir getan, gesagt und geschrieben haben, seltsam vor, bringt Erstaunen hervor, doch in der damaligen Zeit war vieles Normalität und gehörte zum Alltag. In diesen Alltag ist auch die Entwicklung der Stadt Ribnitz-Damgarten einzuordnen. Mit dem Aufbau des Sozialismus entstanden Volkseigene Betriebe (VEB). Viele Privatunternehmen wurden enteignet oder es wurde ihnen das Überleben schwer gemacht. Der größte Betrieb der Stadt war der VEB Faserplattenwerk, der 1953 aufgebaut wurde. In der Doppelstadt waren der VEB Ostseetrans, das Agrochemische Zentrum, der VEB Ostsee-Schmuck, der VEB Ribnitzer Polstermöbel, der VEB riled, VEB Bau und die ZBO Landbau wichtige sozialistische Betriebe. Für die Organisation der sozialistischen Planwirtschaft war es wichtig, die Handwerksbetriebe in Produktionsgenossenschaften des Handwerks (PGH) zu organisieren. So gab es in Ribnitz-Damgarten die PGH Aufbau (Tischlerhandwerk), die PGH Stadt Ribnitz-Damgarten (Maler), PGH Ernst Thälmann (Installation und Heizungsbau), PGH Kraftfahrzeuge und die PGH Figaro. Die Gartenbaubetriebe vereinigten sich in der Gartenbauproduktionsgenossenschaft (GPG) Seerose. 1965 wurde das Dienstleistungskombinat (DLK) gegründet. Private Betriebe wie Bäcker, Elektro- und Kfz-Meister machten einen kleinen Teil des Wirtschaftsspektrums der Stadt aus, aber boten den sozialistischen Betrieben teilweise erfolgreich Konkurrenz.

Die Entwicklung der Landwirtschaft ist ein besonders eindrucksvolles Beispiel sozialistischer Wirtschaft. Ende der 50-er, Anfang der 60-er Jahre wurden die privaten Bauernhöfe zwangskollektiviert. Sicherlich wird nicht jeder Bauer gezwungen gewesen sein, in die LPG einzutreten. Hartnäckige Verweigerer sahen sich jedoch Zwangsmaßnahmen gegenüber. So entstanden in den Ortsteilen rund um die Stadt etliche LPG-en. In Klockenhagen war eine Jungrinderaufzuchtanlage ansässig, die zum Volkseigenen Gut Klockenhagen gehörte.

Mit Beginn der 70-er Jahre wurde der Wohnungsbau intensiviert. Neubauviertel entstanden, um die Wohnungsfrage bis 1990 zu lösen. In den Bereichen Bildung, Kultur und Sport, insbesondere für Kinder und Jugendliche, wurden Einrichtungen geschaffen, an die mancher vielleicht mit Wehmut zurückdenkt. Kindergärten, Polytechnische Oberschulen und Sportvereine waren sicherlich vom Sozialismus geprägte Einrichtungen, dennoch wurde in ihnen sozial, also im Sinne der Menschen – nicht nur im Sinne des Sozialismus – gearbeitet. Trotz mancher scheinbar abwertenden „Untersuchungen“ und Äußerungen von Politikern und Experten: Kindergärten werden gerade jetzt wieder vermehrt gefördert, Gesamtschulen nähern sich immer mehr der Organisationsform der POS an und Kinder- und Jugendsportschulen sind nach wie vor erfolgreich.

Letztlich wollten die Bürger der DDR und damit auch die Bürger der Stadt Ribnitz-Damgarten „ihren Sozialismus“ nicht mehr. Demokratie und Reisefreiheit standen ganz oben auf der Wunschliste – und die Glitzerwelt der Marktwirtschaft. Die sozialistische Entwicklung der Kreisstadt Ribnitz-Damgarten liegt jetzt lange zurück. Die Bernsteinstadt hat sich anders entwickelt und nicht zu ihrem Nachteil. Wohl kaum jemand will die alten Verhältnisse wieder zurück. Für viele sind in den letzten Jahren Träume in Erfüllung gegangen. Nicht für alle – das wird es nie geben. Weniger Verlierer könnten es aber schon sein.