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Garnisions- und Rüstunsgsstandort, KZ und Kriegsgefangenenlager

Barth im Jahr 1944. Für zirka 35 000 Menschen begann ein Tag im November, wie er unterschiedlich nicht sein konnte. 7500 Einwohner hatte die Stadt am Bodden. Es war Krieg, viele Männer kämpften an den Fronten für Hitlerdeutschland und dennoch versuchten die Barther einen möglichst normalen Alltag zu erleben. Doch auch das gelang nur bedingt, denn in der Stadt wurde für die Rüstung produziert. Die Pommersche Eisengießerei beschäftigte zu diesem Zeitpunkt von zirka 200 Mitarbeitern 150 Ausländer, darunter viele Letten. In der Walter-Bachmann-Flugzeugbau KG in der sundischen Straße arbeiteten Osteuropäer. 4000 Arbeiter schufteten für die Rüstungsindustrie in den Pommerschen Industriewerken in einem Waldstück bei Barth. Im Lager Barth-Holz (in der Nähe der heutigen Nikolajew-Siedlung) waren über 1000 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter untergebracht. In Barth-Stein (Tannenheim) 1500 deutsche Arbeiterinnen und Arbeiter. Zum Werk führte eine Bahnstrecke. Die von den deutschen Arbeiter genutzt wurden. Die Kriegsgefangenen gingen zu Fuß zur Arbeit. Die grüne Tarnfarbe und der künstlich produzierter Nebel sollten verhindern, dass die Anlage vom Feind eingesehen wird. Das Werk wurden von Sicherungstrupps scharf bewacht. Das alles hatten seinen Grund: Im Wald vor Barth wurden Brandmunition, Nebel- und Rauchmunition, chemische Kampfstoffe sowie Tellerminen produziert. Nach Aussagen ehemaliger Beschäftigter sollen auch Teile für die Vergeltungswaffen V1 und V2 hergestellt worden sein.

1936 eröffnete die Deutsche Wehrmacht den Flugplatz Barth, zwei Jahre später zog eine Flakgarnison nach Barth-Vogelsang. 3500 Militärs hatten nun ihren Standort in Barth. Lehreinheiten der fliegenden und der Flak-Verbände der Luftwaffe probten den Blitzkrieg. Der Garnisonsstandort am Bodden wurde zur taktischen Erprobungsstelle.

1940 entstand in Barth-Vogelsang das erste Kriegsgefangenenlager für Angehörige der westalliierten Luftstreitkräfte. Stalag (Stammlager) Luft I. Bis zu 9000 Angehörige der Royal-Air-Force und der US-Air-Force, einschließlich der Freiwilligen aus den von Deutschland okkupierten Ländern wie aus Polen, der Tschecheslowakei, Belgien, Frankreich, Norwegen, Griechenland und Jugoslawien waren auf den Boddenwiesen untergebracht. Ab 1942 auch Angehörige der Roten Armee. Allerdings mussten sowjetische Kriegsgefangene im Stalag Luft I die schmutzigsten und schwersten Arbeiten verrichten. Sie wurden zu Dienern ihrer westalliierten Verbündeten.

Nach den ersten Luftangriffen auf Rostock 1942 gründeten die Ernst-Heinkel-Flugzeugwerke 40 Zweigbetriebe in der ganzen Region. 1943 trennte das Unternehmen sechs Kasernengebäude als Unterkünfte für KZ-Häftlinge ab. Es entstand ein Außenlager des KZ-Ravensbrück. 7000 Männer und Frauen wurden zur Zwangsarbeit in der Flugzeugmontage gezwungen. Als die Rote Armee im Frühjahr 1945 näher rückte, trieb die SS die überlebenden Häftlinge auf einen Todesmarsch in Richtung Rostock. Dieser wurde in Ribnitz durch mutige Bürger gestoppt. Die Kriegsgefangenen des Stalag Luft I hatten zu dieser Zeit bereits die örtliche Gewalt übernommen und auf dem verlassenen Fliegerhorst viele sterbende Häftlinge in den KZ-Gebäuden entdeckt. Gemeinsam mit einem westallierten Offizier, und Heinsrich Anders fuhr Karl Lembke am 1.Mai 1945 in Richtung Löbnitz, um mit Vertretern der Roten Armee die kampflose Übergabe der Stadt vorzubereiten. Karl Lembke wurde der erste Bürgermeister Barths nach dem II. Weltkrieg.

Die westalliierten Kriegsgefangenen wurden vom 12. bis 14. Mai 1945 mit amerikanischen Bombern ausgeflogen. Die sowjetischen Kriegsgefangenen und zivilen Zwangsarbeiter mussten in einem Filtrierungslager, das auf dem Gelände des ehemaligen KZ auf dem Fliegerhorst eingerichtet wurde, Überprüfungen über sich ergehen lassen. Die Pommerschen Industriewerke wurden in der Nachkriegszeit gesprengt. Auch das Lager Barth-Holz existiert nicht mehr. Barth-Stein ist heute als Barth-Tannenheim ein Stadtteil Barths. Mehrere Gedenkstätten in Barth erinnern an die Geschehnisse in der zwölf Jahren der Nazi-Diktatur. Seit 1996 erinnert ein neuer Gedenkstein an das  Kriegsgefangenenlager Stalag Luft I. Am Barther Ortsausgang an der Chausseestraße wurde die Mahn- und Gedenkstätte KZ-Außenlager Barth errichtet. Auf dem Platz der Freiheit befindet sich das Sowjetische Ehrenmal. In der August-Bebel-Straße wurde eine Gusstafel zum Andenken an die im ersten und zweiten Weltkrieg gefallenen Barther Bürger platziert. Auf dem städtischen Friedhof ist an die Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Im Förderverein Dokumentations- und Begegnungsstätte Barth bemühen sich Barther Bürger um eine Stätte des Gedenkens, die umfassend Auskunft über die Zeit des Nationalsozialismus gibt.