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Gegründet auf freier Wurzel

„Man steckte eine Meßrute…“ So beschreibt Paul Kühl in seinem Buch „Geschichte der Stadt und des Klosters Ribnitz“ den ersten Aufbau der Stadt Rybenitz.

Es ist die Zeit der deutschen Kolonisation in das Gebiet der slawischen Wenden. In eine Gegend an der Ostsee zwischen Weichsel und Elbe, die die Germanen im dritten und vierten Jahrhundert in Richtung Süden verlassen hatten, das „dahin kümmerte“ und zu Beginn des sechsten Jahrhunderts wohl menschenleer war.

In diese verödete Gegend zogen am Ende des Jahrhunderts von Osten her die Wenden. Im Westen der Recknitz siedelten sich die Circipaner oder Kessiner genannt an und am östlichen Ufer die Liutizen. Der See an der Recknitzmündung bot Gelegenheit zum Fischen, Ackerbau und Viehzucht konnten betrieben und in den Wäldern gejagt werden. Es ist nicht belegt, aber wahrscheinlich, dass die Wenden an den sumpfigen Niederungen eine Fliehburg erbauten, in der sie bei Gefahr aus ihren Wohnsiedlungen flüchteten.

In den kommenden Jahrhunderten mussten sie sich immer wieder den Sachsen und Dänen erwehren, die in ihr Gebiet strebten. Die slawischen Stämme kämpften um ihre Existenz, verteidigten ihr Land und wehrten sich gegen die Christianisierung. Schließlich unterlag 1160 der Obodritenfürst Niklot bei der Burg Werle (zwischen Schwaan und Bützow) gegen Sachsenherzog Heinrich dem Löwen. Niklots Sohn Pribislaw erhielt 1167 einen Teil des Landes als Lehen zurück. Sein Sohn Heinrich Borwin heiratete die Tochter Heinrich des Löwen. Für das mecklenburgische Fürstenhaus war damit der Grundstein gelegt, während die Zeit der heidnischen Slawen mit dem Fall des Götzentempels Swantewit auf Arkona (Rügen) 1168 zu Ende ging. Die Kolonisation konnte nun nicht mehr aufgehalten werden und deutsche Grundherren wurden als Siedlungsleiter ins Land gerufen. Es kamen landlos gewordene Leute, oder nachgeborene Söhne, die zu Hause keine Hufe mehr erhalten konnten. Es war eine Ansiedlung auf „frischer Wurzel“. Das ursprüngliche wendische Fischerdorf Rybenitz existierte noch eine Weile neben der neuen deutschen Ansiedlung, die den Namen für ihre zukünftige Stadt übernahm. Zu einer Vermischung von Wenden und Deutschen kam es kaum, die Slawen wurden nach und nach verdrängt. Der wendische Adel hingegen nahm die deutsche Art zu leben an und trat zum christlichen Glauben über, wie Pribislaw, der zum Schutz seiner Macht an wichtigen Stellen des Landes Mecklenburg Burgen erbauen ließ – wie den fürstlichen Hof zu Ribnitz.

Die neue deutsche Siedlung wurde an einem strategisch wichtigen Punkt angelegt. Rybenitz lag an einem von drei Pässen entlang der Ostseeküste. Die Handels- und Heerstraße zwischen Lübeck und Stralsund war gangbarer als die Übergänge bei Tribsees und Demmin. Schließlich ließ Pribislaw Rybenitz befestigen, da die Siedlung den äußersten Ostteil seines Fürstentums darstellte. Auf dieser Burg, die im südöstlichen Teil der Stadt innerhalb der Ringmauern stand, weilten Fürsten, hielten sie Versammlungen ab, schlossen Verträge und stellten Urkunden aus. Wie die von 1210, in der von einem Gericht in Rybenitz zu lesen ist und von einem „Krug“ darselbst. Es ist also anzunehmen, dass damit ein fürstliches Burggericht gemeint ist und der „Krug“ zeugt zumindest für eine Siedlung rund um die fürstliche Residenz. Wann nun genau die Siedlung zur Stadt Rybenitz ernannt wurde, entzieht sich der Kenntnis aller Historienforscher. Die Gründungsurkunde soll bei einem der zahlreichen Stadtbrände vernichtet worden sein. Als ein Beweis der ersten Existenz der Stadt Rybenitz wird die Urkunde von 1233 angenommen. Hierin legt der Schweriner Bischof Brunwald für die Stadt Rybenitz den bischöflichen Zehnt fest. Und genau dies ist für Zweifler der Stein des Anstoßes. Welche Stadt zahlt schon an einen Bischof Abgaben? Und da die Urkunde von 1233 sowie die von 1210 Abschriften sind, wird auch ein eventueller Übersetzungsfehler reklamiert. „urbs“, wie der Ort Rybenitz benannt wird, kann sowohl „stadt“ als auch „burg“ heißen! Paul Kühl ficht das nicht an:
„Nach diesem ersten uns im Auszug überlieferten Dokument, das Ribnitz im Jahre 1233 als wirtschaftlichen, kolonisatorischen und kirchlichen Mittelpunkt der weiteren Umgebung aufzeigt, liegt die äußere und innere Berechtigung und Begründung vor, dass die Stadt im Jahre 1933 ihr 700jähriges Bestehen feiert…“

Hans Erichson, der 1997 seinen Band „Zur Geschichte der Städte Ribnitz und Damgarten“ vorlegte, kommentierte dieses Dilemma lakonisch: „Kommt es bei dem ehrwürdigen Alter unserer Stadt überhaupt auf ein paar Jahre an?“
Jetzt also schon 775 Jahre. Vielleicht.