Great Job in New York

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Great Job in New York

Für die meisten Marathonis ist die Teilnahme am New York Marathon die Krönung ihres Hobbys. Diesen Traum habe ich mir am 7. November 2010 erfüllt. Die 42,195 km zwischen dem Start an der Verrazano Bridge und dem Ziel im Central Park, durch alle fünf New Yorker Stadtteile, waren für mich die emotionalsten Kilometer, die ich jemals gelaufen bin. Um 10.40 Uhr wurde ich auf Staten Island in der dritten Startwelle, begleitet von Frank Sinatras New York, New York, mit Tausenden anderen auf die Strecke geschickt. Zwei Wellen waren da in halbstündigen Abständen schon unterwegs. Insgesamt nahmen zirka 45 000 Läufer die die aufregende Lauftortur bei kühlen Temperaturen und Sonnenschein in Angriff. Nun sollte es auch für mich losgehen. Der New York Marathon war mein Geschenk für mich zum 50. Geburtstag.

92 Laufwettkämpfe vom Halbstunden-Paarlauf bis zum Super-Marathon über 76 Kilometer habe ich bereits absolviert. Der New York Marathon war der der 23. Lauf über 42,195 km. Sechsmal absolvierte ich einen Super-Marathon als Berglauf.

Angefangen hatte alles 1981 mit einem Straßenlauf über 32 km von Greifswald nach Stralsund. Bis 1986 nahm ich an 41 Läufen teil.

Meine besten Ergebnisse:

Stundenpaarlauf 19.03 km
Stundenlauf 15.050 km
20 km Stadtlauf 1:34 h
25 km Berglauf 2:07 h
50 km Berglauf 4:36 h
76 km Berglauf 8:31 h

Leider habe ich in dieser Zeit keinen Stadtmarathon absolviert, so dass ich aus meinen „besten Zeiten“ keine Referenzzeit habe.

Durch Beruf, Familie und andere Interessen nahm ich 13 Jahre lang an keine weiteren Laufveranstaltungen mehr teil. Erst 1998 schnürte ich, bei einer Größe von 1.78 m und 90kg auf dem Leib wieder die Laufschuhe und begann ganz von vorn. Ich wollte wieder an einem Rennsteiglauf teilnehmen und überwand mit Mühe die drei Trainingskilometer bis zum nächsten Waldrand. Im Mai 1999 stand ich in Neuhaus am Rennsteig wieder am Start und absolvierte die 43 km in 6:06 h. Was für ein Absturz! Doch seitdem nehme ich wieder regelmäßig an Laufveranstaltungen teil. Zwei bis drei Marathons und ebenso viele Läufe zwischen 20 und 35 Kilometer stehen im jährlich im Kalender. Bisherige Höhepunkte waren zwei Teilnahmen beim Swiss-Alpine über 31 km. Meine Marathonzeit drückte ich 2007 Hamburg auf 4:08 h. Zwischenzeitlich wog ich auch schon mal 77 kg (zurzeit 84 kg).

Nun also New York Marathon. Der etwas andere Lauf in jeder Hinsicht. Eine bestimmte Zeit wollte ich nicht laufen. Je länger es dauert, umso besser. Eine Krankheit erschwerte mir in diesem Jahr das Training und außerdem wollte ich unterwegs viel fotografieren. Das tat ich schon auf der Verrazano Bridge. Dort bildeten im Norden die Wolkenkratzer der Südspitze Manhattans mit der davor eindrucksvollen Freiheitsstatue eine atemberaubende Kulisse für die ersten Kilometer. Die Strecke führte weiter durch Brooklyn und Queens. Auf den ersten 20 Kilometern achtete ich kaum auf meinen Körper. Das Laufen war eigentlich Nebensache. Zu sehr nahmen mich die Eindrücke rund um die Laufstrecke gefangen. Viele Zuschauer säumten die Straßen und feuerten die Sportler an. Immer wieder fotografierten die Läufer mit kleinen Kameras die Stadt, sich und ihre Freunde. Auf der Pulaski-Brücke, ungefähr nach der Hälfte des Marathons, machte auch ich Stopp und ließ mich vor der Skyline von Manhattan von schwedischen Läufern fotografieren.

Rund um den Marathon war natürlich auch der touristische Teil der Reise Ziel meiner Neugier. Gleich am Ankunftstag, zwei Tage vor dem Marathon, nutzte ich den Abend, um mich auf das Empire State Building hochfahren zu lassen. New York bei Nacht vom 86.Stock aus auf der Freiluftterrasse! Ein kleiner Trip auf die verglaste 102. Etage komplettierte das Erlebnis. Die Hochhausschluchten sind von oben ebenso beeindruckend wie ebenerdig, wo man sich wie ein Zwerg vorkommt, wenn man seinen Kopf weit in den Nacken legen muss, um die oberste Etage eines der gigantischen Bauwerke zu sehen.
Am ersten Morgen nahm unsere Reisegruppe am 4km langen Willkommenslauf für ausländische Läufer teil, der am UNO-Gebäude gestartet wurde und im Central Park endete. Doch der Lauf hatte wenig mit Sport zu tun. Es war eher ein internationaler Karneval. Sehr viele Läufer kamen in typischen Verkleidungen ihrer Länder: die Japaner als Samurai, die Österreicher in Lederhosen und Filzhüten, die Holländer mit Käse auf den Köpfen. Alle fotografierten wild durcheinander, schwenkten die Fahnen ihrer Länder und freuten sich einfach. Es war herrlich!
Am Nachmittag absolvierte ich mit meinem Zimmerkollegen, wir waren beide allein angereist, einen Rundgang durch das Finanzviertel von Manhattan und schlenderten durch die abendlichen Gassen von China Town. Dann hieß es aber schnell zurück ins Hotel, denn am nächsten Morgen mussten wir um 5:45 Uhr in der Lobby bereit zum Starttransfer stehen. Kurz nach 7 Uhr kamen wir im Startareal an. Jetzt hieß es: Warten bis zum Start um 10:40 Uhr. Gut, dass die Sonne schien und nicht ganz so viel Wind wehte, denn bereits um 9:20 Uhr mussten wir unser Sachen abgeben. Dann wurden wir endlich gegen 10 Uhr zum Start geführt und die letzten Meter motivierte uns die live gesungene amerikanische Nationalhymne kurz vor dem Start.

Bei Kilometer 24 führt die Queensboro Bridge das nicht endend wollende Läuferfeld über den East River nach Manhattan. Wir mussten in der zweiten Etage laufen. Über uns rollte der Stadtverkehr. Wir hatten Schatten und die Steigung der Brücke brannte in den Beinen. Hier war deutlich an einigen Mitläufern zu sehen, dass auch sie die ersten Kilometer nicht auf ihren Körper geachtet haben. Die ersten gehen, einige sitzen und massieren sich. Es waren sogar welche dabei, die sich übergeben mussten. Auch mir fiel das Laufen schwerer und ich beschloss, von der schattigen Straße auf den sonnendurchfluteten Bürgersteig zu wechseln. Ein kleiner entspannender Spaziergang und einige schöne Fotos von Manhattan waren der Lohn.

In Manhattan angekommen, ging es die First Avenue kerzengerade nach Norden zirka sechs Kilometer in Richtung Bronx. Hier begann eigentlich der ewige Zieleinlauf. Die Zuschauer machten unheimlich viel Stimmung auf beiden Seiten der vielleicht 50 m breiten Straße. Doch irgendwann wünschte nicht nur ich mir das Ende dieser langen Straße. Wann endlich kommt die Brücke zur Bronx? Im berüchtigtsten Stadtteil von New York angekommen, empfingen uns gleich harte Beats „Willkommen in der Bronx“. Livemusik war auf der Strecke allgegenwärtig. Es wurde von 130 Bands geschrieben, die unterwegs für Stimmung sorgten.
Die Bronx ist aber bei weitem nicht mehr so gefährlich wie ihr Ruf. Überhaupt gehört New York eher zu den sicheren Städten der USA. Das war noch 1993 anders. Da führte die Stadt am Hudson die Kriminalitätsstatistik der Vereinigten Staaten an.
Nach drei Kilometern Bronx ging es dann wieder zurück nach Manhattan. Ein kurzes Intermezzo. In Harlem, einem Viertel von Manhattan, wieder ausgelassene Stimmung bei den Zuschauern, die auch meine Stimmung steigen ließ. Es ging in Richtung Central Park. Langsam freute ich mich mehr und mehr auf die Gatorade- und Wasserstationen. Nicht nachlassen, nur weiter und weiter. Der Körper meldete sich und das lautstarke Anfeuern schlug langsam in meinen Ohren in Lärm um. Noch sieben Kilometer! Nur noch sieben! Oder vier Meilen! Ich hatte sowieso beschlossen, nur noch Meilen zu zählen. Zehn Meilen hören sich besser als 16 Kilometer an! Endlich am Central Park! Die Zuschauer rufen, wie bei allen anderen Läufen auch, dass es nun nicht mehr weit und bald alles geschafft sei. Und hier immer wieder: Great Job! Dann biegen wir von der Fifth Avenue, auf der ich mich noch mal fotografieren ließ, in den Central Park ein. Auch hier laufen wir auf einer Asphaltstraße. Überall rufende und klatschende Zuschauer. Dennoch sehne ich mich langsam nach dem Ziel. „Great Job!“, ja ich weiß. Ich will ihn beenden und endlich ankommen. Noch mal raus auf die berühmte New Yorker Einkaufsstraße, dann auf den Columbus Circle und wieder in den Park zum Zeileinlauf. Da ist das Banner: 26 Meilen. Schnell noch ein Foto machen lassen. Dann reiße ich die Arme hoch, grüße die Zuschauer, doch ich bin noch nicht im Ziel. 300 Feets sind noch zu laufen. Also los! Los weiter. Nach 5:27 h habe ich es geschafft. Was für eine Zeit! Egal. Vollkommen egal! Es war einfach toll. Und wieder „Great Job!“ Stimmt, habe ich gemacht. Zufrieden nehme ich die Medaille entgegen. Irgendwann komme ich auch zu meinem Gepäckbus und kann auch irgendwann auf einer Bank meinen Trainingsanzug anziehen. Es war kalt in New York geworden. Mit der U-Bahn ging es ins Hotel zurück. Geschafft.

Noch eineinhalb Tage blieben Zeit für touristische Unternehmungen. Mit meinem Berliner Zimmerkumpel fuhr ich mit der Fähre zur Miss Liberty. Allerdings hatten wir die verkehrten Karten gekauft. Ohne Aufstieg auf das Monument. Nachkaufen konnte man auf der Insel nicht. Schlechte Stimmung machte sich kurz breit. Doch dann freuten wir uns über das Erlebte und auf die nächsten Programmpunkte. Während mein Zimmerkumpel auf das Empire State Building fuhr, besuchte ich das Guggenheim Museum. Am Abend schaute ich mir auf dem Broadway das Musical „Chicago“ an. Den Tag ließ ich auf dem Times Square ausklingen, wo es trotz dichtem Verkehr überraschend ruhig zuging. Ein Oboespieler intonierte melancholische Melodien. Meine letzte Nacht in New York.

Am Abreisetag schien noch einmal die Sonne mit voller Novemberkraft. Am späten Vormittag spazierte ich über die Brooklyn Bridge, New Yorks schönstem Spazierweg, genoss noch einmal die Skyline von Manhattan und aß am historischen Hafen zu Mittag. Draußen im T-Shirt. Am Abend hob der Flieger am JFK-Flughafen in Richtung Berlin ab.
Der aufregendste Marathon meines Lebens war Geschichte.

Was kann jetzt noch kommen? Ich werde in den nächsten Jahren noch einmal versuchen, meine Marathonlaufzeit unter vier Stunden zu drücken. Dann möchte ich, wenn die Finanzen und die Gesundheit mitspielen, als Lauftourist an großen Läufen teilnehmen. Da sind schon Ideen im Kopf.

Jetzt ist zunächst einmal „Winterpause“. Ich muss auch erst einmal New York sacken lassen. Ich war in New York. Was habe ich da gemacht habe? Great Job!