„Ich könnte den ganzen Wald aufessen“

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„Ich könnte den ganzen Wald aufessen“

„Tue jeden Tag etwas, was Dich schlauer macht“  –  Gut, getreu diesem Motto gehe ich also für den „Der Darßer“ mit Gerd Wolff auf „Kräuterwanderung“. Jeden Dienstag von März bis Oktober bietet die Kurverwaltung Prerow diese dreistündige Exkursion an.

Als Journalist habe ich schon viel am eigenen Leibe ausprobiert, um später darüber schreiben zu können.  Wie fühlen sich Frauen, die sich  in Plastikfolie einwickeln lassen, um ihre Orangenhaut loszuwerden? Jetzt weiß ich es. Erst vor Kurzem zeigte mir eine junge Osteopathin ihr praktisches Können.  Erfahrungen am eigenen Leib.

Nun also eine Kräuterwanderung. Das mit dem „Schlauerwerden“  werde ich wohl nach fünf Minuten als erfolgreich abhaken können, denn von Kräutern habe ich gar keine Ahnung. Gerd Wolff schon. Und auch die anderen vier Teilnehmer (es ist Vorsaison). Ein Koch und seine Freundin, zwei Apothekerinnen.

„Herzlich willkommen zur Wildkräuterführung. Es geht also um Unkraut oder Kaninchenfutter“, begrüßt Gerd Wolff, in Prerow bekannt als einer der drei letzten Leuchtturmwärter am Darßer Ort.  Kaum gesagt, geht es also schon los.  Wir stehen am Rasen vor dem Kurbetrieb und Gerd Wolff  erklärt mit ruhiger, leiser Stimme den Lebensraum Wiese. Seid achtsam! Schon nach wenigen Minuten entspinnt sich ein Fachgespräch über die Verwendung von Blättern für Salate und Getränke. Hin und wieder streut der Kräuterexperte einen trockenen Witz ein. Ernährungs- und Gesundheitstipps werden gegeben. Löwenzahn ist gut für die Leber! Die Scharfgarbe entspannt. Birkenwasser wird gelobt. Es gibt auch Kräuter gegen Depression! Dann natürlich die Brennnessel! Brennnessel reinigt die Gefäße. Wir sind noch keine 50 Meter gegangen und der Wissenszuwachs bei mir ist immens. Auch die Experten scheinen sich wohl zu fühlen. Die Sonne scheint und bei all den Gesprächen essen meine fünf Begleiter Blätter und Blüten. Kurz abgeputzt – fertig. „Jeder kann sich aus verschiedenen Kräutern seinen Salat zusammen stellen, der ihm schmeckt und den sein Körper braucht“, sagt Gerd Wolff. Und: „Wir haben alle unsere Erbschaften!“ Ein wichtiger Satz, denn er bedeutet, dass jeder seinen eigenen Weg zu den Heilkräutern finden muss, ganz angepasst an seine individuellen körperlichen Dispositionen und geschmacklichen Vorlieben.  „Gundermann reiben und riechen. Das vergisst man nie wieder!“ Ich staune und bewundere meine  Kräuterxpertenrunde! Was sind eigentliche meine Erbschaften? Weiter geht es mit Tipps für Salatmischungen. Während wir am Fuße des Deiches am Prerow Strom stehen, schwärmt der junge Koch von Salatkreationen und alle bringen sich kreativ ein. Ich höre zu, fotografiere und staune. Gerd Wolff backt sich ein klebriges Labkraut an die Jacke: „Kann man auch als Brosche nehmen.“ Die Stimmung ist ausgelassen und die beiden Apothekerinnen vergessen, dass sie eigentlich früher los wollten. Ich auch. „Guten Appetit“ heißt es dann und man reicht mir eine Löwenzahnblüte.  Jetzt endlich esse ich auch und gehöre nun richtig dazu. Ist gut für die Leber! „Ich kann den ganzen Wald aufessen“, sagt der eher zierliche Gerd Wolff, dessen Mutter ihn immer einen „Gesundheits-Apostel“ genannt hat. Für Kräuter habe er sich schon immer interessiert. Und immer wenn die Frage nach Kräutern kommt, ob sie denn hier auch wachsen würden, kommt die Antwort mit einem Augenzwinkern: „In meinem Kräutergarten schon“. Dazu lächelt Gerd Wolff und man spürt, dass man hier jemanden vor sich hat, der liebt, was er tut.  Mit viel Lust auf neue Entdeckungen geht es dann weiter. Giersch, Sauerampfer und die Knoblauchranke kommen ins Spiel. Mit viel Hingabe wird der Duft der Kiefern eingesogen. Wir bleiben auf dem Deich stehen. Niemand scheint weiter gehen zu wollen. Alle wollen sich noch unterhalten. Es geht ums Fasten, um Körperreinigung, um die schnelle Regenerationsfähigkeit  des Körpers.

Als Abschiedsgeschenk verteilt Gerd Wolff noch aufgeschriebenes Kräuterwissen. „Ach du grüne Neune“ zum Beispiel. Neun aufgelistete Kräuter und deren Wirkung. Prima.  Alle sind zufrieden – der Kräuterführer, die Experten und ich. Zu Hause bestelle ich bei meiner Frau gleich Salate zum nächsten Essen. Mit ganz bestimmten Kräutern. Ich habe ja auch meine Erbschaften.

 

Treff: Kurbetrieb Prerow

Gemeindeplatz 1

Ende März bis Ende Oktober

Di 9.30 bis 12.30 Uhr