Kategorie

Tags

Verwandte Artikel

Jeder dritte Herzschlag gehört der Scheune

Kückenshagen. Abschiedsstimmung kam eigentlich nur zu Beginn auf. Als Andreas Ciesielski am Sonnabend auf 20 Jahre Kulturscheune Kückenshagen zurückblickte und damit den Abend eröffnete, wurde er kurz von Tränen überwältigt. Zu bewegend war der Anlass: Die 2007-er Saison der Sommerscheune soll die letzte sein und dies das „Fest des Abschieds“. Der Verleger, Journalist und Veranstalter wollte mit seinen bewegenden Worten vor gut 200 Zuschauern verdeutlichen: Wenn heute der Vorhang fällt, ist wirklich Schluss. „Ich habe den vielen Helfern, den ‚Aktivisten der ersten und der letzten Stunde’ zu danken. Ganz besonders den Künstlern, die die Scheune zu einem besonderen Ort gemacht haben. Jeder dritte Herzschlag gehörte der Scheune.“ Doch die Künstler dieses letzten Abends gaben sich alle Mühe, den Abschied so schwer wie möglich zu gestalten. Thomas Putensen, Stammgast in Kückenshagen, nahm mit seiner Interpretation der Brechtschen Kinderhymne „Anmut sparet nicht noch Mühe“ gleich den Schwermut aus der Scheune. Und während der Pianist Thomas Putensen den Gitarristen Jörg Naßler in immer freiere Adaptionen des Herbstliedes „Bunt sind schon die Wälder“ trieb, dachte schon niemand mehr an Abschied von der Sommerscheune. Andreas Ciesielski kündigte die Künstler an, erzählte Anekdoten und von der Kleinkunstbühne in Nordvorpommern klang es so wie immer: nachdenklich, politisch und links. Frank Viehweg schlug die leisen Töne an, brachte zum Ausdruck, dass er hier, wo er lebt „nicht mehr ankommt“, mahnte aber auch „Es ist alles geschrieben im Gedächtnis“. Stefan Körbel sang Dieter Süverkrüp: „Was ist ein Kommunist?“ und brachte russische Töne zu Gehör. Die Scheune hatte auch Humor, bot Komisches. Hubertus Schmidt gab den Ort bekannt, an dem „der Mensch am ehrlichsten ist“ und das Publikum hatte spätestens bei der „Klo-Hymne“ den Anlass des Abends vergessen. Nicht so die Künstler, die mit Andreas Ciesielski und dem „Scheunen-Verein“ oft seit vielen Jahren bekannt sind und mehrfach „auf dem Acker“, wie es Thomas Putensen ausdrückte, auftraten. Jeder nutzte die Auftrittsgelegenheit, um nur von einer Scheunen-Pause zu sprechen. Andreas Ciesielski und seine Lebenspartnerin Sabine Kleinschmidt sollen „zu Kräften“ kommen und dann, nach zwei, drei Jahren, die Sommerscheune wieder öffnen. „Wir brauchen unbedingt die Zeit für uns. Für unseren Sohn, für unsere Verlags-Arbeit und für die Profil-Schärfung der Winterscheune“, wehrte Ciesielski geschmeichelt lächelnd ab. Viele Besucher sehnten sich wohl schon nach dem kleinen beheizten Nebenraum, der „Winterscheune“, denn der Abschiedsabend war nur in den Herzen warm. Dunja Averdung und Jörg Naßler sangen und spielten, um mit karibischen Rhythmen das häufig dick verpackte Publikum zu erwärmen. Daran anknüpfen konnten Jörg Kokott und Cordula Schönherr. Das Gitarren/Geige-Duo mit ihren Folk-Interpretationen zeigte einen wichtigen Teil des Scheunen-Spektrums auf. Das Finale der „Nacht der Liedermacher“, wie Andreas Ciesielski den Abend auch nannte, war für Arno Schmidt reserviert. „Er war immer da, wenn einmal ein Künstler ausgefallen war. Es ist hier so oft aufgetreten, dass er fast schon zur Familie gehört“, kündigte Ciesielski seinen Freund an. Beide verbindet fast eine Seelenverwandtschaft. So sang Arno Schmidt kämpferisch-trotzig in seinen Liedern das, was Andreas Ciesielski wohl ebenso politisch sieht und schickte ihm ein: „Eigentlich ist es ja unklug, ein Teil seines Lebens aufzugeben“ von der Bühne entgegen. Als der dann von seiner Frau einen Strauß Nelken überreicht bekam verkündete der Scheunen-Organisator: „Wir haben auch einige andere Veranstaltungen aufgeben müssen. Wir geben aber nicht auf. Ich habe aber noch viele Sachen im Kopf. Lasst uns erstmal eine Pause machen“ und erntete dafür tosenden Beifall. Da erinnerte die Scheune unwillkürlich an ein kleines gallisches Dorf.

Die Scheunensaison 2007 und damit 20 Jahre Sommerscheune Kückenshagen endete mit der Intonierung der „Internationalen“ – gespielt auf einer Minidrehorgel. Typisch Ciesielski – typisch Scheune.