Mit dem einzigen Fischer Prerows auf der Ostsee

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Mit dem einzigen Fischer Prerows auf der Ostsee

Uwe Pagel hat schon immer gefischt – für ihn bedeutet seine Arbeit Freiheit

Uwe Pagel sitzt am Bug seines Bootes, zieht das Netz ein und puhlt Heringe. „Ich habe Spaß bei meinem Job. Er bedeutet für mich Freiheit! Ich bin in der Natur und keiner geht mir auf den Keks.  Für alles bin ich allein verantwortlich. Mein Hobby habe ich zum Beruf gemacht.“ Es ist Anfang März, morgens gegen 7 Uhr, vor dem Nordstrand von Prerows Ostseeküste. Uwe Pagel ist wie an jedem Tag mit seinem Boot rausgefahren, um die Netze zu kontrollieren und seinen Fang an Land zu holen. Doch der 59-Jährige ist leicht erkältet, hatte am Vorabend Schüttelfrost und nur knapp fiel die Entscheidung für die Arbeit aus. Sicherlich auch, weil der Redakteur des „Der Darßer“ mit rausfahren wollte. An diesem Morgen ist es bedeckt, kalt aber windstill. Bei der Ausfahrt aus dem Nothafen Darßer Ort begleiten uns eine Unmenge von Möwen. Sie wissen, dass es wichtig ist, dem Fischer zu „huldigen“. Sie sollten belohnt werden.

Der Hering ist der Brotfisch der Fischer.

„Dieses Heringe puhlen mag ich eigentlich nicht so“, sagt Fischer Pagel leicht säuerlich lächelnd. „Doch dieses Mal sind ganz schön große Exemplare dabei“, tröstet er sich und mit einem gezielten Schwung fliegt der nächste „Brotfisch“ in die Kiste.  Zwei Heringsnetze á 30m hat Uwe Pagel ausgestellt. Zwei Kisten bekommt er an diesem Morgen voll. 40 kg. Mit dabei sind noch eine Meeresforelle, ein Knurrhahn und zwei Dorsche. Ein Seehase ist auch dabei.

Uwe Pagel hat schon immer gefischt. Sein Vater, Karl Pagel, war Küstenfischer. Als kleiner Junge musste er immer die Netze sauber machen. Es war nicht die Sehnsuchtsarbeit, doch sie hielt ihn nicht davon ab, 1975 eine Lehre als Binnenfischer in Werder an der Havel zu beginnen. Danach begann der Prerower am Institut für Hochseefischerei und Fischverarbeitung in Born zu arbeiten.

1981 fragte Vater Karl seinen Sohn Uwe, ob er denn mit ihm auf der Ostsee fischen möchte. Uwe mochte, wenn noch sein Kumpel Klaus Barthel mitkommen könne.

Zu dritt ging es dann also los auf dem 6,20 m langen Boot dänischer Bauart auf Fischfang. Sieben Jahre lang. Bis zur Wende.

Uwe Pagel ist in Prerow der einzige Fischer. Im Nothafen Darßer Ort liegen noch die Boote der Fischer aus Wieck und Zingst. Auch an diesem Morgen im März ist er zunächst allein. Er fährt immer allein raus. Nach den Heringsnetzen geht es weiter zu den Dorschnetzen. Fünf Netze fährt er ab. Immer wieder befreit er Klieschen aus dem Netz, die „kleine Schwester der Scholle“. „So ein Mist“, brummt er. Klieschen sind nicht besonders beliebt und werden nicht verkauft. Die Kiste füllt sich zusehends mit Klieschen, aber nur ein Dorsch ist dabei. Uwe Pagel scheint fast verzweifelt. „Vorgestern hatte ich noch einen guten Fang“, beteuert er.

Ein Dorsch. An diesem Tag bleibt er eine Seltenheit.

1989 zieht es den neugierigen jungen Mann über Ungarn in den Westen.  Der Prerower heuert in Finkenwerder bei Hamburg auf einem Kutter an. Als sein Vater ein Jahr später stirbt, kommt er in seine Heimat nach Prerow zurück. Seit 1991 ist er nun als Einzelfischer unterwegs und betreibt die Kleine Küstenfischerei. Später kommt auch das Boddenfischen hinzu. Er verkauft alles selbst. Gaststätten sind seine Kunden. Auch ein eigener Laden kommt hinzu. Er kann dadurch mit kleinen Mengen auskommen.

Zu den nächsten Netzen. Immer das gleiche Spiel. Nichts. Und wenn, dann nur Klieschen, nur sehr selten ein Dorsch, keine Meeresforelle mehr. Uwe Pagel ist enttäuscht. Der Beifang wird über Bord gekippt. Dann geht es zurück. Vom Darßer Nothafen sieht er ein zweites Boot rausfahren. Er ist für heute fertig. Vor dem Hafen wird noch schnell angelandet. Die Dorsche und die Meeresforelle werden ausgenommen. Auf die Überreste stürzen sich die Möwen. Im Hafen kommt ein Kollege vom Rettungskreuzer und darf sich nach nettem Smalltalk ein paar Heringe in die Tüte stecken. Dann geht es mit dem Auto in Richtung Prerow. Unterwegs zieht er Bilanz: „Heringe mäßig. Alles andere war wirklich nicht so doll.“

Uwe Pagel hat es eilig. „Zu Hause werde ich mich ins Warme legen. Es geht mir heute nicht so gut.“ Doch zuvor muss er noch zum Laden. Der öffnet um 11 Uhr. In der Buchenstraße angekommen, wartet auch schon der erste Kunde. Es ist Jürgen Grabs. 

Ein prächtiger Seehase..

Wenn der Laden um 13 Uhr  schließt, geht es für den Fischer nach Hause. Mittagszeit – bevor es wieder raus geht auf den Bodden.  Fischen ist eine Arbeit, die sich nach Jahreszeiten richtet. Jede Jahreszeit hat ihren Fisch und ganz bestimmt Fangmethoden. Stellnetzfischerei, Reusenfischerei. Im warmen Sommer 2018  ist Uwe Pagel sogar mit der Angel rausgefahren.  Der Prerower erinnert sich gerne an die Sommerfischerei auf Aale. Mit Aalkörben habe man den beliebten Fisch gefangen – bis 2007 die Aalfischerei eingeschränkt wurde. Jetzt sei der Fisch wieder im Kommen: der Bestand hat sich langsam erholt. 

Fischereiromantik? „Es ist schon eine harte Arbeit. Oft ist es kalt. Aber das ist Gewöhnungssache. Kalter Nieselregen ist aber wirklich unangenehm“, sagt Uwe Pagel. Der Fischer schaut immer in die Wettervorhersagen. Bei einem Sturm muss er schnell raus und die Netze einholen. Das sei manchmal ganz schön abenteuerlich. Als sie noch zu dritt mit dem Vater unterwegs waren, berichtet Pagel, hatte sich im Herbst über Nacht ein Trog gebildet. Von Nordost kam Wind mit der Stärke 8. Schnell mussten die Boote mit einem Trecker auf die Dünen gezogen werden. Am Morgen wurden 30 Flundernetze aus der Ostsee geholt. Dreimal mussten die Fischer raus. Die Netze waren voller Dreck, Äste und Muscheln. Als die letzten Netze im Boot waren, entdeckten die Fischer einen Kilometer vor dem Hafen riesengroße Wellen hinter sich. Ein neuer Trog hatte sich gebildet. Faktisch in der letzten Sekunde erreichten sie den Hafen.   

Vor Ort werden die Dorsche ausgenommen.

Der einzige Prerower Fischer begrüßt einen seiner ältesten Stammkunden. 30 Heringe bitte. Gleich vom Auto wird in den Eimer „umgelagert“. Jürgen Grabs ist zufrieden. Doch kaum fährt er vom Grundstück, stehen die nächsten Kunden vor der Tür.  Es sind Urlauber. Noch sei nicht geöffnet. Was wollen Sie denn? Heringe? Kommen Sie rein…

Die ersten Heringe sind verkauft.

Ein Fischer muss fischen. Ein Fischer muss verkaufen. Und wenn der Fischer gefischt,  verkauft und die Dorsche und die eine Meeresforelle filetiert hat, dann muss ein erkälteter Fischer ins Warme und Trockene und sich mal richtig ausschlafen. Am nächsten Morgen kann er dann wieder rausfahren. Dann sind vielleicht auch die Dorschnetze voll.   

Frank Burger