Niemand will eine Oma-Mütze haben!

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Niemand will eine Oma-Mütze haben!

Regina Seidel erfüllt Träume. „Frauen kommen in mein Geschäft, um sich auszuprobieren. Sie brauchen etwas fürs Gemüt. Erkenne ich mich so wieder? Kann ich das in meinem Alter tragen?“, Regina Seidel lächelt. „Das macht Freude. Es ist auch mein Traum, der damit in Erfüllung geht“, sagt die 47-jährige Hutverkäuferin. Der Ort, wo Träume in Erfüllung gehen, liegt in der Stralsunder Tribseer Straße. Er ist ganz klein, fast kann man ihn übersehen. Viele würden daran vorbei gehen, wenn draußen auf dem viel zu schmalen Fußweg nicht auch noch Aufsteller mit Hüten und Mützen stehen würden. Der Hutladen liegt  in einer Straße zwischen Bahnhof und Innenstadt. Sie ist eine Tangente zwischen Ankommen und Erleben. Mittendrin der Traumladen von Regina Seidel. Frauen, die hineingehen, wollen sich ausprobieren, sich neu erleben. Ein bisschen vom Anderssein träumen und sich dennoch bestätigt fühlen. Die Hutverkäuferin lächelt und berät – kompetent und zurückhaltend. Immer mit einem Lächeln. Sie lebt ihren Traum.

OLYMPUS DIGITAL CAMERADoch seine Erfüllung setzte das Durchwachen von Albträumen voraus. Einen kleinen Laden wollte sie schon immer haben. In der verstaatlichten DDR privat sein. Die Tochter einer Kunsterzieherin und eines Geschichtslehrers spielte nicht nur mit Puppen, sondern stattete sie auch aus: sie bekamen Schuhe, Strümpfe und Hüte. Nach dem Abitur sehnte sich das junge, von Kreativität beseelte Mädchen danach Musik zu studieren. Doch die 17-jährige Regina  versagte bei der Aufnahmeprüfung. Sie hatte einen Klos im Hals, vergaß den Text, hatte ein Brett vorm Kopf. Auch beim zweiten Versuch. „Das sollte wohl so sein“, meint sie heute zurückblickend. Also dann Modedesign. Malen konnte sie und einen Text bräuchte man dazu auch nicht lernen.  Gezeichnet hatte das kleine Mädchen immer auf Löschpapier und die Flickenkiste vom Gewandmeister-Onkel in Erfurt wurde zu ihrem Schatz, den sie sich mit Cousine und Nichte gerne teilte. Dieses Mal mussten auch Teddys als Models herhalten.

Regina Seidel nahm beim VEB Herrenbekleidung Fortschritt in Berlin eine Lehre als Industrieschneiderin auf, wurde dann zur Ingenieurhochschule für Bekleidungstechnik geschickt und kehrte von dort in ihren alten Betrieb zurück. Eine Familie mit Mann und Kind komplettierten das Glück.

Die Wende veränderte alles. Sie wurde auf null Stunden gesetzt. Was nun?

Also erst einmal als Staubsaugervertreterin für Elektrolux Türklinken putzen. Eine Woche lang. Doch sie lernte viele Leute kennen. Unter ihnen auch eine Frau aus dem Westen, OLYMPUS DIGITAL CAMERAdie auf Flohmärkten Sachen aufkaufte, sie umschneiderte und dann weiter verkaufte. Das wollte Regina Seidel auch. Inzwischen war das zweite Kind da, mit dem sie auf den Flohmärkten stand. Ihr Mann arbeitete zu dieser Zeit als Versicherungsvertreter. Eine schwere Zeit. Da mussten Oma und Opa helfen. Regina Seidel fuhr 1992 mit ihrem Trabbi, den beiden Kindern und Kommissionsware gen Stralsund, da, wo ihre Eltern wohnten. Nun stand sie also auf dem Wochenmarkt der Hansestadt. „Ich verkaufte schöne Sachen, vor allem Damenoberbekleidung“, so die gebürtige Schwerinerin, die bei Gadebusch aufgewachsen war. In Stralsund  fertigte sie erstmals Hüte und Mützen selbst und hängte sie als Dekoration an ihren Stand. Sie verkaufte gut, so dass bald der erste Laden in der Heilgeiststraße aufgemacht werden konnte. Ein zweiter folgte in Binz – nur mit Hüten. Es boomte – bis es abwärts ging. Die Mieten stiegen und das Geld saß den Kunden nicht mehr so locker in der Tasche. 1994 musste das Geschäft in der  Heilgeiststraße dicht gemacht werden. Regina Seidel zog mit ihren Hüten und Mützen in die Tribseer Straße 6.

Doch die Probleme blieben. Ihr Mann, der sich um das Geschäft in Binz kümmerte, wurde krank. 1999 musste Regina Seidel ihr zweites Geschäft schließen. 2002 dann die Insolvenz. Ich ging in Asche, sagt sie heute. Sie war arbeitslos, die Ehe ging kaputt. Ein Albtraum in voller Fahrt. Wenn da nicht die Sehnsucht vom kleinen Laden blieb. Der Traum starb nicht. Atmete, gab Kraft. Nach sieben Jahren ließ sie ihn wieder frei. Der kleine Laden in der Tribseer Straße 24A wurde eröffnet. „Ich bin geläutert und bescheiden“, sagt sie. Sie müsse über den Winter kommen, wie viele Einzelhändler. Sie könne nicht nur von ihren Stammkunden leben, sie brauche auch die Touristen. Vor allem: Menschen, die Arbeit haben und in Stralsund leben.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA OLYMPUS DIGITAL CAMERAWünsche, Träume und Hoffnungen der Stralsunder sind auch ihre. Wenn die Tür aufgeht und eine Frau kommt herein, die eine Mütze oder einen Hut braucht, dann leben Kundin und Verkäuferin in ihrer eigenen Welt. Dabei ist Regina Seidel ziemlich selbstbewusst. „Eine bessere Beratung als bei mir kann man nicht bekommen. Ich bin ausgebildet und habe Erfahrung. Ich weiß, was meinen Kunden steht.  Frauen lieben das Gespräch.“

Regina Seidel verkauft mehr Mützen als Hüte. Ihre Mützen müssen der Region angepasst und wetterfest sein.

Hinzu kommt eine kleine Zahl von selbst gefertigten Hüten und Mützen. Das soll sich in den nächsten Jahren steigern. Alles ganz langsam. Im Bestand hat Regina Seidel vor allem Mützen deutscher Firmen. Die Angebotspalette ist trotz des beengten Raumes groß. Einmal fragte jemand: „Haben Sie Baskenmützen?“ „Ja“, kam als überraschende  Antwort für den Kunden. Ja, auch Männer  kaufen bei ihr ein. Männer träumen nicht. Männer kaufen. „Die wissen, was sie wollen und sagen es“, lacht Regina Seidel. Da geht Umsatz und Traum fröhlich miteinander. Der kleine Laden lebt.
Der Traum lebt. Und nun?

Regina Seidel hat noch eine Passion, eine Leidenschaft. Unter einem Tuch sind schwarz-weiße Tasten versteckt. Leidenschaften und  Träume lassen sich nicht unterkriegen. Sie leben weiter. Wie in dem klitzekleinen Laden in der Stralsunder Tribseer Straße.