Pöbeln, saufen, beleidigen

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Pöbeln, saufen, beleidigen

Erik Gätjen pöbelt, er säuft, steckt seinen Fuß in die Kartoffelschüssel, schmeißt mit einem Teller, säuft weiter, beleidigt seine Frau, einfach ekelhaft – und alle sind begeistert. „Ich bin ein sehr freundlicher, kollegialer Typ, dem ein gutes Verhältnis zu seinen Mitmenschen wichtig ist“, sagt Erik Gätjen über sich und lächelt hinter seinem Dreitagebart und seiner Mütze hervor. Erik Gätjen ist Erik Alfred im Silvesterstück „Knall auf Fall“ der Barther Boddenbühne. Erik Gätjen ist auch Karl Valentin im Apothekensketch und der Butler James im „Dinner for one“. Er schießt einem Schauspielerkollegen auf der Bühne in den Hintern und er singt auch noch. Theater spielen sei sein Leben, sagt er über sich. Als ihm Martin Schneider, der Leiter der Barther Boddenbühne, im Sommer vorigen Jahres die Rolle des Athos bei den „Musketieren“ als seine erste große Rolle anbot, musste er lächeln: Er hatte schon einige größere Rollen ausgefüllt. Der 27-jährige Borner spielte schon als 12-Jähriger bei den Theatermäusen auf der Barther Bühne. Er schlüpfte in die Rolle des „Herzbuben“ bei der „Alice im Wunderland“-Aufführung.

Erik.Gaetjen.privatweb

„In meiner Familie wurde immer über Kunst, Kultur, Theater und Gesang gesprochen. Mein Opa war Bühnenmaler beim Volkstheater Rostock“, sagt Gätjen über seinen familiären Hintergrund. Erik war damit für immer infiziert und so einiges musste sich seinem Traum vom Theater spielen unterordnen. So war für ihn das Pauken am Gymnasium zweitranging. Er wechselte nach der 8. Klasse auf die Fritz-Reuter-Realschule in Barth. „Wir hatten damals so viel Unterricht, da blieb einfach keine Zeit mehr für meine Freizeitinteressen. Ich wollte auch Reiten und auf der Bühne stehen“, sagt er. Bis 2006 war der schmächtige junge Mann immer bei den Vineta- bzw. den Klabauterfestspielen dabei. Dann beendete er die Schule und nahm eine Lehre als Schiffsmechaniker auf, fuhr auch eineinhalb Jahre zur See. 2011 war er wieder da. „Ich wollte einfach wieder auf die Bühne. Und da waren noch einige aus der alten Truppe da: Helga Wienhöfer, Gabriele Ulbricht, Rieke und Jette Claasen und Antje Möller.“ Erik Gätjen fühlte sich wieder zu Hause und stieg dann beim Stück „Die Feuerzangenbowle“ Silvester 2011 wieder ein. Wie sollte es aber nun beruflich weiter gehen mit dem Schauspieltalent? Logisch und möglich wäre die Studium-Aufnahme an der Theaterakademie Zinnowitz gewesen. Doch Erik zog zurück. „Das konnte und wollte ich mir finanziell nicht leisten. Die Mieten in Zinnowitz sind viel zu teuer. Meine Familie wollte mich zwar unterstützen. Aber nein, das wollte ich nicht. Und außerdem konnte ich meine Katze nicht zurück lassen“, sagt er rückblickend und schüttelt den Kopf. Eine Alternative bot sich für ihn in der eigenen Familie an. Seine Mutter hat eine private Zimmervermittlungsagentur in Born. Da stieg er 2011 mit ein. Damit war sein Problem gelöst.

Er hat einen Job, der es ihm ermöglicht, weiter Theater zu spielen. Das macht Erik Gätjen nun ausgiebig. 2012 folgte der Schwank „Maxe Baumann“, 2013 „Ferienheim Bergkristall“ und im vergangenen Jahr stand er als Garry/Roger im „Der nackte Wahnsinn“ auf der Bühne. Auch bei der „Schatzinsel“ im Sommer war er zu sehen (Billy Bones; Ben Gunn). Zusätzlich macht der Borner auch noch bei einer Theatertruppe mit, die „Krimi-Dinner“ anbietet (die Barther Boddenbühne hat aber Vorrang). Das Leben des Erik Gätjen aus Born auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Der schönste Moment bisher? „Es ist alles schön. Aber vielleicht war das Gesangsduett mit der Turandot-Hauptdarstellerin der schönste Moment bisher. Ich singe nämlich gern“, so Erik Gätjen. „Viel gelernt habe ich bei Piet Oltmanns in der Jugend-Gruppe“, erinnert sich der Borner an die Aufführung „Tote im Tee“. Der schwierigste Moment? „Das Stück ‚Der nackte Wahnsinn’. Das ging körperlich und psychisch an die Substanz“, kommt sofort. Wenn über „Wahnsinn“ in der Theatertruppe gesprochen wird, dann fällt immer das Wort „Sardinen“ aus dem Silvesterstück 2014. Ein Teller Sardinen, der immer wieder hier und da abgestellt werden musste, der die Schauspieler schier zur Verzweiflung trieb. „Wir hatten auch hinter der Bühne mehrere Teller als Reserve“, verrät Erik. Das war auch notwendig, weil sich die Plastiksardinen mit der Zeit auflösten.

Erik.Gaetjen.Ekel.AlfredwebDoch ganz egal, was auf der Bühne passieren würde, Erik ist sich sicher: „Meine Kollegen würden mich niemals hängen lassen. Das macht richtig Spaß . Das ist schon sehr familiär“, sagt Erik und man sieht ihm an, dass er richtig Freude hat. Eine spezielle Traumrolle habe er nicht, verneint er: „Wir haben früher immer die Sätze gezählt, die wir pro Aufführung bekommen haben“, lacht Erik. „Aber einer von den Musketieren gewesen zu sein, das war schon toll“, fügt er stolz hinzu. Der quirlige Typ, der scheinbar immer einen Schluck aus der Cola-Flasche benötigt, kann aber auch leise und still. Erik Gätjen malt. Er malt Landschaften mit Öl- oder Pastellkreide. „Naja, das sind Landschaften, Blumen, eben Deko-Bilder“, erklärt er bescheiden. Doch dann braucht er wohl wieder den Kick, das Theater, die Aufregung vor dem Stück, die Sorge, beim „Dinner for one“ nur nicht die Reihenfolge der Auftritte des Butler James durcheinanderzubringen. Am Sonnabendabend um 19.30 Uhr zum Beispiel: „Knall auf Fall“ im Barther Theater. Da schmeißt Erik Gätjen als Ekel Alfred auch wieder mit einem Teller, pöbelt, und steckt seinen Fuß in die Kartoffelschüssel – zur Freude des Publikums.