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Ribnitz unterm Hakenkreuz

Die braune Zeit brach in Ribnitz an.
Die Nationalsozialisten hatten im Februar 1933 in der Boddenstadt noch keinen politischen Einfluss. Sie zogen aber schon mit „klingendem Spiel“ durch die Stadt. Am 5. März fanden in Deutschland Reichstagswahlen statt. Die NSDAP erreichte zwar 45 %, aber nicht die absolute Mehrheit.
Dennoch traten nun die Nationalsozialisten in Ribnitz ganz anders auf. Am 9. März marschierte ein Trupp von 30 SA-Leuten zum Ribnitzer Rathaus und hisste die Hakenkreuzfahne. Ortsgruppenleiter Koeppe: „Die Hakenkreuzfahne ist das äußere Zeichen unseres Sieges. Der Kampf geht weiter, bis der letzte Feind erledigt ist.“ Wie ernst ihm dies war, zeigte er am 18. März. Auf dem Marktplatz wurden kommunistische Fahnen, Wimpel der SPD und der sozialistischen Arbeiterjugend verbrannt.
Am 23. März beschloss der Reichstag das „Ermächtigungsgesetz“, das der Regierung erlaubte, Gesetze unter Ausschluss des Parlamentes zu erlassen.

Am 31. März erlaubte das „Gleichschaltungsgesetz“ die Umbildung der Parlamente der Länder und Kommunen nach dem Verhältnis der Reichstagswahlen. Das 1930 gewählte Ribnitzer Stadtparlament wurde aufgelöst und eine „Stadtverordnetenversammlung“ aus sechs Mitgliedern der NSDAP, drei Sozialdemokraten und zwei Vertretern der „Kampffront“ gebildet. Der Nationalsozialismus war in Ribnitz zementiert.

Die Wirtschafts- und Bevölkerungsstruktur änderte sich in den nächsten Jahren immens. Einen großen Anteil daran hatte der Aufbau der Walther-Bachmann-Flugzeugwerke. Walther Bachmann war im I. Weltkrieg Kampfflieger und gegen Ende des Krieges als Einflieger in Warnemünde eingesetzt. 1923 gründete er dort die Aero-Sport GmbH. Diese Firma war auf den Bau von Wasserflugzeugen und Schwimmer spezialisiert. 1934 siedelte sich das Unternehmen im Ribnitzer Körkwitzer Weg an. Bereits 1938 wurden 1500 Arbeiter beschäftigt. Die Bachmann-Werke waren für viele Arbeitskräfte ein attraktiver Arbeitgeber und so zog eine große Zahl auswärtige Familien nach Ribnitz. In dieser Zeit entstanden viele neue Wohnungen und Siedlungshäuser.

Als eine der vier großen Flugzeugwerke an der mecklenburgischen Ostseeküste hatten sich die Bachmann-Werke vor allem auf Wasserflugzeuge spezialisiert. Mit dem Versuch, mit einer He115 von Ribnitz nonstop nach Südamerika über den Atalantik zu fliegen, machte sich das Ribnitzer Unternehmen einen Namen. Doch ein Defekt an der Ölleitung stoppte den historischen Versuch auf den Kanarischen Inseln.

In der Stadt Ribnitz selbst gab es nicht nur Zustimmung zum Nationalsozialismus. Immer wieder regte sich Zweifel und Widerstand. Doch oft wurde denunziert, vor Gericht gestellt, abgeurteilt und ins Gefängnis geworfen. Der Ribnitzer Schlosser Willi Döbler musste gleich mehrmals ins Gefängnis. Als er im Juli 1943 ins Zuchthaus Dreibergen überführt wurde, war er schon gekennzeichnet von Folter und Misshandlungen. Im September wurde er als nicht mehr haftfähig eingestuft und nach Ribnitz entlassen. Im Frühjahr 1944 starb Döbler an den Folgen seiner Haft.

Auch die vier jüdischen Familien in Ribnitz wurden schikaniert, drangsaliert und bis 1942 endgültig aus der Stadt vertrieben. Einigen gelang es zu emigrieren. Die letzten drei jüdischen Frauen wurden 1942 „auf Transport geschickt“. Einzig Annemarie Thron, Tochter des Sanitätsrats Dr. Joseph, überlebte als Jüdin in Ribnitz.
Mit Beginn des II.Weltkrieges wurden die Bachmann-Werke auf Serienproduktion für den Krieg umgestellt. Vorbereitungen dazu waren schon beim Aufbau des Werkes getroffen worden. Vorranging beschäftigte man sich mit der Reparatur des Bombers He111 und mit dem Bau von Flugzeugteilen. In dieser Zeit arbeiteten zirka 1000 Zwangsarbeiter in den Walther-Bachmann-Werken. Kriegsgefangene aus dem Osten und aus Frankreich wurden getrennt untergebracht (Boddenstraße). Hinzu kamen „Zivilarbeiter“ aus Polen und Frankreich

Die Ribnitzer Männer wurden einberufen, Frauen und Ruheständler mussten deren Aufgaben übernehmen. Lebensmittel- und Punktekarten bestimmten den Alltag in der Boddenstadt. Während des gesamten Krieges wurde Ribnitz von Luftangriffen verschont. Lediglich eine Bombe, ein Notabwurf, ging am 17. Januar 1943 auf Ribnitz nieder und tötete fünf Menschen. Ab 1943 nahm der Krieg immer mehr Einfluss auf den Alltag der Ribnitzer. Immer mehr Menschen flüchteten aus den Großstädten aus Angst vor den Bombenangriffen. Verwandte und Bekannte in Ribnitz und auf dem Fischland gaben Quartiere. Schließlich wurden 16-18-jährige Mädchen und Jungen zum „Reichsarbeitsdienst“ und als „Marinehelfer“ eingezogen.

Ende April 1945 rollte die Sowjetarmee auf Ribnitz zu. Schützengräben wurden ausgehoben, Panzersperren errichtet. In Ribnitz kamen am 1. Mai die Häftlinge des KZ Barth an. Auf dem Marktplatz lagerte eine Gruppe von Frauen. Dort wurde bereits in einem Handgemenge der Volkssturm von mutigen Ribnitzern entwaffnet. Die drohende Erschießung der KZ-Frauen konnte so verhindert werden. Zur Erinnerung an diese Ereignisse wurde am Rathaus eine Gedenktafel angebracht. Noch am Nachmittag des 1. Mai 1945 rollte die Rote Armee in die Stadt. Ribnitz wurde kampflos übergeben.