Isabella Oleivera Mendes

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Isabella Oleivera Mendes

„Die Sonne hat mir sehr gefehlt“, sagt die 18-jährige Isabella Oliveira Mendes. Die brasilianische Austauschschülerin aus Belo Horizonte hat sich den dunkelsten Winter seit 1951 ausgesucht, um ein Jahr in Europa die deutsche Lebensweise kennen zu lernen. Als es schon fast geschafft schien, schickte der Winter noch den kältesten März seit über sechzig Jahren in Deutschland hinterher. „Mir ist hier erst bewusst geworden, wie viel mir Sonne bedeutet. Manchmal war es wirklich schwer, die Dunkelheit und die Kälte zu ertragen“, erklärt Isabella ihre Situation, während sie sich eine Jacke auszieht. „Immer so viel Sachen am Leib.“

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Ein Jahr Deutschland statt Brasilien. Ein Jahr lang weg von Gewohntem, von ihren Eltern, ihren beiden Schwestern Anna Carolina (22) und Alice (7), weg von ihrer großen Familie und ihren Freunden. Von der brasilianischen Millionenstadt Belo Horizonte ins beschauliche vorpommersche Stralsund. Als feststand, dass es die Hansestadt im Nordosten Deutschlands sein wird, dachte sich Familie Oliveira Mendes, dass sie ihre Tochter ans Ende der Welt schicken würden.

Dabei hat der Findungsprozess lange gedauert. „Ich wollte eine neue Sprache und eine andere Kultur kennen lernen“, begründet Isabella ihre Motivation für ein Jahr ins Ausland zu gehen. Ein englischsprachiges Land sollte es nicht sein. Japan? Das war zu anders. Also Europa. Isabellas Mutter favorisierte Belgien. Sie hatte von dem Land Gutes gehört. Aber Französisch fand Isabella nicht schön. Spanien? So richtig konnte sie sich mit diesem Land nicht anfreunden. Italien? Schöne Sprache, aber Vater Mendes meinte, dass die Italiener den Brasilianern zu ähnlich seien. Er schlug Deutschland vor. „Schaffst du es in Deutschland, schaffst Du es überall“, so sein Credo. Ja, Deutschland. Isabella lernte zwei Jahre deutsch – und verliebte sich immer mehr in die Sprache von Goethe und Schiller. „Deutsch ist sehr vielfältig und fantasievoll. Es gibt ständig etwas zu entdecken“, schwärmt Isabella.

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Auf Entdeckungsreise ging es für die frischgebackene Abiturientin mit Berufsausbildung (Laborantin) Mitte August 2012. Als sie im Flugzeug saß, wurde ihr erst bewusst, auf was sie sich da eingelassen hatte. Ein ganzes Jahr kann ganz schön lang werden. Mit den Klischees über die Deutschen „Autobahn, Wurst und Bier“ im Kopf und der Vorstellung, dass in Deutschland alle Menschen Lederhose und Dirndl tragen, flog sie über den großen Teich.

In Frankfurt/Main absolvierte sie mit anderen Austauschschülern eine Vorbereitungswoche und dann ging es zu den Gastfamilien. Isabella reiste also nach Stralsund, zu ihrer ersten Gastfamilie, die sie ausgesucht hatte. Doch irgendwie stimmte die Chemie nicht und die ehrenamtlichen Organisatoren vor Ort vom Experiment e.V., einer Austauschorganisation in Deutschland, quartierten die Gastschülerin aus Südamerika um. Bei der zweiten Gastfamilie änderten sich die Bedingungen und wieder musste neu gesucht werden. „Was habe ich verkehrt gemacht?“, ging es Isabella mehrmals durch den Kopf. Niemand hatte etwas gesagt. Dann saß sie bei der dritten Gastfamilie am Tisch. Ihre Betreuerin von Experiment e.V. , in deren Haus sie zum Übergang kurz wohnte, verabschiedete sich – und ein neues „Experiment“ begann. Es klappte. Seit November vorigen Jahres hat Isabella nun ein ständiges Zuhause in Deutschland und in der Stralsunder Innenstadt. „Stralsund ist klein, süß und schön“, ist das Urteil der jungen Südamerikanerin über das „Ende der Welt“ in Deutschland. Und sie ist froh, dass hier Hochdeutsch gesprochen wird. Einige Klischees entpuppten sich wirklich nur als Vorurteile: Deutsche können fröhlich sein, machen von der Arbeit auch mal Pause und sind eigentlich recht unkompliziert. „Wenn hier etwas nicht in Ordnung oder falsch ist, dann macht man kein Drama, sondern bringt es wieder in die richtige Bahn“, weiß Isabella jetzt. „Bei uns in Brasilien wird sich mächtig aufgeregt, alle beschweren sich und keiner macht was. Dann wird alles vergessen, bis man sich wieder mächtig aufregt.“ Doch Isabella kann der brasilianischen Variante auch etwas Gutes abringen: „Bei uns funktioniert zwar nicht alles, aber wir haben Spaß dabei“, lacht sie. Dann fügt sie mit einem Grinsen hinzu: „Die Deutschen sind sehr praktisch, aber das ist auch langweilig.“

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Manchmal ist ihr auch in der Schule langweilig. Sie hat ja schon Abitur und die Lehrer gehen wenig auf ausländische Gastschüler ein. Das findet sie schade. Andererseits ist sie selbst auch nicht der Typ, der auf andere zugeht. Das Klischee von der temperamentvollen Südamerikanerin kann sie nicht erfüllen. Auch Samba kann und will sie nicht tanzen. Dafür ist sie lieber jeden Montag- und Mittwochabend beim Capoeira. In Stralsund wird der brasilianische Kampftanz unterrichtet. Diese Stunden haben ihr über so manchen traurigen Moment hinweg geholfen. Keine Sonne, Heimweh und dann ist auch noch ihr Großvater gestorben. Sie telefoniert zwar mehrmals in der Woche nach Hause, aber sie war auch dankbar, dass ihr ihre deutsche Gastfamilie in dieser Situation beigestanden und Trost gespendet hat.

Mit den Stralsundern hat Isabella schon einiges unternommen: Sie war in Hamburg und hat sich das Musical „Rocky“ angesehen, sie besuchte Berlin und konnte aufgrund des langes Winters viel „Wintersport“ treiben. Schlitten fahren, einen Schneemann bauen und Ski laufen ist für die Brasilianerin nun nichts Neues mehr. Ganz besonders war der Nachmittag auf dem zugefrorenen Knieperteich. Isabella hat noch nie auf natürlichem Eis, also auf richtigem Wasser gestanden. Dann tanzte sie mit ihrem Gastvater auch noch den Schneewalzer.

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Auch Magdeburg und der Königsstuhl gehörten schon zu Isabellas Programm. Unbedingt möchte sie noch einmal nach Berlin und ganz gespannt ist sie schon auf Stralsund im Frühling und Sommer. Die volle Packung Deutschland also.

Viel über ihr Gastland und über die deutsche Sprache lernt sie auch in ihren Deutschkursen, die sie zweimal in der Woche besucht. Isabella spricht sehr gut deutsch. Sie macht fast keine Grammatikfehler und hin und wieder wird in der Küche der deutschen Gastfamilie intensiv über die deutsche Sprache diskutiert.

Und welche Klischees haben sich bewahrheitet über Deutschland? Die Deutschen trinken viel Bier und essen viel Wurst. Die Autobahn ist schon interessant, auch wenn die Autofahrer zu ihrer Überraschung nicht 300 km/h fahren. Und einen Deutschen in Lederhosen habe sie noch nicht live gesehen. Bier und Wurst wird man Isabella wohl nach Brasilien nachschicken müssen, denn beides hat sie durchaus schätzen gelernt.

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Im Sommer kommt ihre Familie nach Deutschland. Nachdem ihre Eltern und Geschwister ein paar Tage zu Gast in Stralsund sein werden, reist die Familie weiter nach Berlin. Dann schließt sich noch ein Trip nach Portugal an. Am 3. August geht es endlich wieder nach Hause. In die Sonne. Wie wichtig die Sonne am Himmel ist, ist Isabella klar geworden – und wenn mal keine Sonne scheint, ist sie woanders genauso wichtig: Wer es in Deutschland schafft, schafft es überall – mit Sonne im Herzen.