Umweltfotofestival Zingst 2015

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Umweltfotofestival Zingst 2015

  1. Juni Der Vorhang
    Vorbei. Es wird aufgeräumt. Auch in den Gedanken. Ausgeatmet. Geschafft. Neun Tage FOTO-TOTAL! Von „großartigst“ bis „Wie jetzt?“ Alles dabei. Von großen Fotografen, die wie Jedermann auftreten bis zum Knipser im Gockelkostüm. Von Rampensau bis zum stillen Arbeiter im Hintergrund. Ein Plädoyer für die stillen Arbeiter im Hintergrund, die, die in der Menschenpyramide ganz unten stehen, die Last tragen und nicht gesehen werden. Während der Spitzenmann ganz oben strahlend seine Arme ausbreitet, kämpft der Untermann mit der Last der Pyramide, schwitzt, die Oberschenkel werden heiß, er prustet, wackelt, doch er hält stand. Ein Plädoyer für alle stillen Arbeiter, ohne die die Pyramide nicht stehen würde, der Spitzenmann ganz oben nicht glänzen könnte. Die stillen Arbeiter gehen morgen früh wieder in den scheinbar grauen Alltag.

Ich auch. Neun Tage Fotofestival nur mit meinen Augen. Eine Challange für mich. Die Waage halten trotz Emotionen. Dafür jeden Tag diese Kolumne. Ich bin da. Ist Ihnen aufgefallen, dass in jeder Kolumne einmal das Adjektiv „grau“ in möglichst unterschiedlichen Varianten vorkam? Das war für mich eine kleine Bonbon-Herausforderung. Die Fotofestival-Zeit und diese Kolumne erinnern mich an eine Situation während meiner Studentenzeit. Bei einem abendlichen Fest im Studentenclub „Kiste“ wurden Gäste auf die Bühne gebeten, um in einem Rollenspiel mitzuwirken. Natürlich meldete ich mich. Eine Hauptrolle für mich. Es kamen andere dran. Erst ganz zum Schluss bekam ich eine Aufgabe: die des Vorhangs. Ich sollte zwischen den einzelnen Szenen den Vorhang auf und zu machen. Toll. Ich gehörte nicht zum inneren Kreis. Nur Vorhang. Aber: okay, dann den Vorhang. So richtig los ging das mit den Hauptdarstellern nicht… Vorhang zu. ABER WIE. Gut eine Minute brauchte ich für das Ding, es klemmte. Natürlich nur virtuell. Da gab es keinen Vorhang. Er musste gespielt werden. Vorhang auf. Trara. Beifall für den Vorhang. Dann wieder Hauptdarstellereinschlafing. VORHANG. Was für ein Spaß! Der Vorhangmeister „verschläft“. Dann geht alle ganz schnell. Slapstick. Beifall für den Vorhang. Dann wieder H…. Und so weiter. Jedes Mal ein neuer Vorhang-Spaß. WAS FÜR EIN VORHANG! Ein Schlüsselerlebnis für mich. Dann eben den Vorhang. Mach das Beste draus.

Der Vorhang zum 8. Fotofestival ist gefallen. Nach dem Festival ist vor dem Festival.

Standing Ovation für alle: für die Planer, die Macher, die Zugucker, die Snacker, die Profis, die Gockel, die Bodenständigen, die Interessanten, die Kreativen, die stillen Arbeiter und für alle, die sich mühen. Auf bald!

6. Juni Free Jazz für alle

Was ist ein gutes Foto? Was ist Fotografie? Seit der Digitalisierung der Fotografie sei sie demokratischer geworden, sagt man so. Jeder kann nach Herzenslust ohne viel Aufwand rumknipsen. Zufrieden werden die Bildchen zu Hause Tante Emily gezeigt. Schön, dieser Sonnenuntergang am Meer, nich? Muss schnell gucken, die Ostsee läuft aus. Andere schauen sich ihre Fotos an und denken: da muss noch mehr kommen! Die Köpfe rauchen in Fotozirkeln. Die Fotoworkshops boomen. Die Künstler schaffen Kunstwerke, die weh tun beim Erschaffen. Ich sterbe Tausend Tode, wenn ich ein Klavierfest reportieren will/muss. Carsten Peter steht auf dem Kraterrand und bleibt am Leben. Hobby-Fotografen stellen oft stundenlang das richtige Licht für ihr Model ein, andere stehen mitten in der Nacht auf, um die ersten Sonnenstrahlen im Morgennebel einzufangen. Akt-Models frieren am Strand. Fashion-Fotografen quetschen ihr: „Come on Baby“, der coolen Blonden entgegen. Wieder andere sitzen nächtelang vor dem Computer und erschaffen aus Foto-Rohmaterial mit Composings neue Welten. Alles Fotografie. Und dann kommt einer, der im Fotopodium bei Robert Mertens angesichts der abstrakten Venedig-Bilder dem Leica- Künstler entgegenschleudert: „Ist ein Foto erst einmal verhunzt – wird es zur Kunst.“ Baff. Was geht das den Mond an, wenn der Straßenköter bellt, könnte man denken, wenn dieses Zitat nicht von Walter Schels, einem der renommiertesten Fotografen weltweit, stammen würde. Ein Walter Schels darf alles sagen. Doch tut er der Foto-Sache mit diesem Zitat keinen Gefallen. Wie viele Straßenköter bellen ihm das nach, ohne je den Klodeckel von oben gesehen zu haben? Nein, das war kein Scherz von dem Zuhörer: Minuten später kommt die Frage: „Warum kaufen Sie sich für solche Fotos eine so teure Kamera?“ Das Publikum stöhnt … Ohne Kommentar.

Ich sitze im Fotopodium-Vortrag von Robert Mertens „Zufällig kreativ –Was macht Fotografie kreativ?“ Vorne referiert ein Mann im grauen Sakko mit dem Habitus eines stellvertretenden Sparkassenfilialleiters über Kreativität. Und ich, der sich selbst für kreativ hält und voller Ideen steckt, habe meinen Spaß an seinen Ideen, an seinen Vorschlägen zur Ideenfindung, an seinem „Um-die-Ecke-denken“ und schließlich an seinen Bildern, die so anders daherkommen. „Fotografie muss nicht die Wirklichkeit abbilden. Fotografie kann das abbilden, wie der Fotograf die Wirklichkeit sieht“, sagt der bunt angezogene Künstler mit dem Habitus eines Weltmannes. Robert Mertens ist so einer, der stundenlang vor dem PC sitzt und sich seine eigene Welt erschafft. Er erschafft sie, wie sie ihm gefällt. Pippi Langstrumpf der Fotografie. Auch das ist Fotografie. Vielen Dank für diese Anregungen!

Zingst zeigt seit je her die ganze Bandbreite der Fotografie. Antonius war hier mit seinen Traumwelten. Handimals mit Guido Daniele ist vor dem Max Hünten Haus zu bewundern. Michale Poliza begeistere mich im vorigen Jahr mit seinen Himba-Bildern. Carsten Peter jetzt am Strand. Hans-Jürgen Burkard mit Deutschlandbildern – Melancholie im Stone-Keller!

Was ist ein gutes Foto? Diese Frage wird auch täglich vor den „Bild-des-Tages“-Wänden in der Strandstraße diskutiert. Und es wird sich jedes Mal über den Tagessieger aufgeregt. Ich rege mich auch auf. Klar ist alles Geschmackssache. Aber was wäre bei einem Musikwettbewerb los, bei dem alle Sparten teilnehmen können und jedes Mal eine klassische Sonate gewinnt! Kein Chanson, keine Hymne, kein noch so guter Schlager, kein Rocktitel und kein Blues. Jeden Tag die klassische Sonate. Jeden Tag (fast) die Langzeitbelichtung. Dabei sind täglich so viele witzige, kreative, fotografisch sehr gute Motive dabei. Die Reaktion des Publikums nach der Verkündung sagt alles.   So, ich reiche heute Free-Jazz-Bild ein. Ätsch.

5. Juni: Die 200m-Marke
Pass auf die 200m-Marke auf – sagte ein Student aus dem 3. Studienjahr zu mir. Wie jetzt, was soll da sein? Eine Falle? Springt da ein Kampfhund aus dem Gebüsch, oder was? Pass auf! Die Augen wurden groß, das Gesicht ernst. Er verabschiedete sich. Okay – die 200m-Marke, dachte ich, lockerte meine Muskeln, sprang ein wenig hoch, ließ die Arme baumeln und dann ging ich an den Start. Beugte mich leicht. Schuss! Los! Volle Kanone in die erste Kurve des 400m-Laufes. Ich wollte/musste unter 60s Sekunden laufen. Als Sportstudent, der ich damals in Greifswald war, eigentlich kein Problem. Ein Muss! Nur auf den Ballen laufen! Ziehen. Kraftvoll die Gerade angehen. Durchlaufen. Kraft. Oder etwa nicht? Die Oberschenkel beginnen zu brennen. Luft. Ich brauche Luft. Noch schnellen die Arme den Körper mit nach vorne. Was? Als ob die Lunge halbtags beschäftigt ist. Luft!!! Ich keuche, huste, mir wird schwindlig. Kurz vor der Kurve. Wo bin ich? Irgendwo. Keuch. Nichts geht. Da! Am Ende der Gerade! Riesengroß. Kippen. Ein Aschenbecher in XXL-Format. Mir wird schlecht. Reiße das Maul auf und alle Zigarettenkippen der vergangenen Woche fallen in den Weg in die Freiheit. Die 200m-Marke ein Kippenfriedhof, ein Mahnmal für rauchende für Sportstudenten.

Das Fotofestvial horizonte zingst hat die 200m-Marke passiert. Jeder hat selbst seinen „Kippenfriedhof“ erlebt. Verschleißerscheinungen? Was gut sein will, muss anstrengend daherkommen und locker aussehen. Was kommt auf dem Weg zur 300m-Marke? Die Stärke kommt wieder. Das Festival gibt noch einmal alles. Der Fotomarkt hat eröffnet. Ein Tummelplatz für alle Foto-Süchtigen (positiv natürlich). Die Greifvogelschau Hellenthal begeistert vor dem Kurhaus dreimal täglich. Die Möwen krächzen entsetzt! Solch ein Gewimmel vor dem Kurhaus möchte ich sehen! Beim Lightpainting entführt Olympus in eine andere Welt. Am Strand führt „Paddy“ fast ein dutzend Olympuskameras aus, an ihnen befestigt neugierige Fotomacher, hastig nach dem nächsten Bild gierend. Ähm, wie geht das nochmal hier, diesen Knopf, oder wie? „Paddy“ erklärt, hat Freude mit sich und seinen Artisten und natürlich auch mit seinen Workshopteilnehmern. Weniger mit mir. Ich knips mich einfach dazu. Dann zu Canon. Den Apparat säubern lassen und ein neues Objektiv ausprobieren. Melancholie im Stone-Keller. Eine Ausstellung nach der anderen. Am Strand sitzen und ausspannen. Vorsicht, ein Sandkorn – meine geputzte Kamera. Am Abend lädt das Gastland Niederlande ein. Das sind immer schöne Partys.

Der Donnerstag ist großartig. Die Sonne gibt alles. Die 300m-Marke. Sogar der alte, grauhaarige Mann, der mir jeden Tag mit missmutigem Gesicht entgegenkommt, lächelte dieses Mal leise. Das Fotofestival zieht in die Zielgerade ein. Der Abend fast karibisch. So ist es aushaltbar, dass die Bilderflut etwas später beginnt. Auf der Zielgeraden hält man niemanden mehr auf.

Ich bin unter den 60s geblieben. Nie wieder rauchen..

4. Juni: Das alles sind wir – im richtigen Leben?

Es begann alles so schön mit Fotos von Michael Poliza. Natur pur auch bei den Bison-Fotos von Heidi und Hans-Jürgen Koch. Kraftstrotzende Schwarzweiß-Fotos vom amerikanischen Mythos. Dann die österreichische alpine Skirennläuferin Anna Fenninger hübsch farbig in Szene gesetzt mit Geparden. Marketing-Optik. Ich bin in der One-World-Ausstellung im Kunsthallenhotel Vier Jahreszeiten. Ach ja. Und: die Kalender- und Posteredition wurde als Socialprojekt in Namibia zur Unterstützung des Cheetah Conservation Fund (CCF) einer Umweltschutzorganisation, die sich dem Schutz der Geparden verschrieben hat, fotografiert. Ich bin in der One-World-Ausstellung und weiß ja eigentlich was kommt. Und wie es kommt.

„One World« muss unkonventionell sein und ist ganz auf Überraschungseffekte in der Wirkung auf die Betrachter konzipiert.“ So hat es Kurator Klaus Tiedge aufs Papier diktiert.

Die nächste wirkliche Verunsicherung bringen die Bilder vom Tom Nagy. „Lost animals“ zeigt Tiere in von Menschen geschaffener Umgebung. Wirklich? Eine Zebra-Herde stürmt eine Aussichtsplattform, ein Alligator in einem Park, ein Löwe in einer Industrieruine und Giraffen auf einem Flugterminal. Nein, die Tiere wurden nicht hineinkopiert. Das ist unsere Welt? Anders gesehen… Könnte sie so sein? Wird sie bald so sein? Nachdenken. Schon hat der Ausstellungsmacher (Kurator) gewonnen. Doch das Anstoßen war nur ein Aufgalopp, eine Gehirnschmalzerwärmung, denn jetzt kommt es dicker. Migrantenfamilien in Deutschland – in Szene gesetzt in ihren Wohnzimmern. Ein paar Quadratmeter Heimat. Flüchtlinge in Hamburg. Menschen in einer „Zwischen-Zeit“. Mennoniten in der Vergangenheit lebend, abgetrennt von der Mainstream-Welt der Gegenwart. Familien ganz nah an Atomkraftwerken lebend. Eskimos in einer untergehenden Heimat auf einer Insel in Alaska. Afrikaner, die im Ostkongo Zinn für die Hightec-Welt abbauen. Zinn – an dem auch Blut klebt. Ein Metall mit dem Waffen für Rebellengruppen finanziert werden. Leben im Kontrast. Gibt es ein richtiges Leben im falschen? Was ist ein „richtiges“ Leben? Wie bewegt man die Hände beim Tutting-Dance. Keine Ahnung? YouTube fragen. Bunt im Mainstream angekommen. Ist das das richtige Leben? Einmal zurück zu den Mennoniten? Wollen die Migranten in Deutschland diese quietschbunte Welt? Aus dem falschen in das richtige Leben geflüchtet? Flüchtlinge in Hamburg liegen am Elbufer. Die russische Seele chillt in einer kitschigen Protzhalle. Das richtige Leben. Das alles sind wir? Das alles sind wir! Ich versuche noch die Bilder in meinem Kopf zu ordnen und schmeiße in meinem Hirn über die Frage: „Was will uns der Künstler sagen?“ eine dicke Bärenfelljacke, ökologisch nachhaltig gejagt – die Jacke in meinem Kopf. Dann Walter Schels. Der Seelenporträt-Fotograf. „Abgesang“ – der Seelenporträt-Fotograf hat den Abfall von Foto-Filmen fotografiert. Da stehe ich nun mit Poliza im Kopf, mit den Bisons, mit Anna Fenninger, den Mennoniten, den Migranten in ihrer Wohnzimmer-Heimat, den Flüchtlingen am Elbufer, mit der russischen Seele und mit der Frage nach dem richtigen Leben im falschen und starre auf den „Abfall“ von Walter Schels. Ich gehe an allen diesen Bildern vorbei zum Ausgang. In mein Leben. In mein richtiges Leben?

3. Juni 2015: Zufrieden arbeiten


Wir legen ab. Es geht hinaus zum Fotoworkshop „Segeln auf der Aphrodite“. Wir legen wirklich ab, obwohl an Land ein ziemliches Lüftchen weht. Später werde ich ständig gefragt werden, was wir wohl für einen „dollen“ Wind gehabt haben? War gar nicht so schlimm. Segeln konnten wir, doch die Gischt spritzte nicht. Es wurde auch keiner seekrank. Wir sollten ja fotografieren. Die Takellage, die Seile. Schärfe, Unschärfe, Weitwinkel, Zoom. Wolken, Kapitän, seine Crew. Maritimes eben. Los geht es. Doch es gibt Momente, da sitzt ein Schreiberling vor einem weißen Blatt und stiert es an, ein Radiomoderator bekommt angesichts des Mikrofons Schweißausbrüche und kein Laut kommt aus seinem Mund. Gibt es wirklich. Und ich saß nun da und niemand küsste mich. Keine Muse, meine ich… Meine grauen Zellen blieben grau. Vielleicht schon viel zu oft Fotos mit Tampen gesehen. Außerdem bin ich gerade in meiner zickigen Phase. Maler haben Blaue Phasen, Grüne Phasen, Kubische Phasen. Jackson Pollock hat getröpfelt. Action Painting. Jaaaa. Action-Knipsing! Also Kamera raus, 1/6 Belichtungszeit eingestellt und mit einem Shanty im Ohr schunkelnd geknipst. Oder Knips-Nicking. Ja mach ich, ja mach ich, ja mach ich. Und dabei knips, knips, knips. Ich habe mein Abstrakte Phase. Ich mache mir meinen Seegang selbst.

Kommt nicht von mir diese Action-Knipsing. Habe ich bei anderen Workshops gelernt. Von den Profis. In Zingst versammelt sich die Creme de lá Creme der Foto-Profis. Von ihnen zu lernen heißt sieg… fotografieren lernen. Mein eindrucksvollstes Erlebnis hatte ich bei einem Workshop mit Walter Schels. Drei Tage Porträtworkshop. Immer nur in einem Raum. Wir hingen alle an seinen Lippen, wagten kaum zu atmen. Es ging bis tief in die Seele – für alle. Jetzt während des Fotofestivals ist für jeden etwas dabei. Aktworkshop mit Pascal Beatens? Inszenierte Porträts mit Christoph Künne? Naturfotografie mit Timm Allrich? Oder vielleicht Lichtmalerei mit Eric Scheuermann! Fotografie einsaugen. Mit Nektar wieder heimkehren. Mit Fotografie-Nektar. Von der Muse geküsst. Ich schaue in den Himmel, warte auf einen Geistesblitz. Er kommt nicht. Oder sind die Sonnenstrählchen, die sich durch die Wolken quengeln, als Geistesblitzchen zu werten? Klack, klack, klack. Ich arbeite mich zufrieden. Einfach losschreiben auf das weiße Papier. Losplaudern ins Mikro und losfotografieren. Manchmal ist nur ein Kloß im Hals, ein Brett vorm Kopf, eine Blockade sonst wo. Das habe ich gelernt. Zufrieden arbeiten, wenn keine Muse küsst. Kommt schon noch. Der Abend war sommerwarm – auch ohne Sonne. Die Aphrodite legt wieder im Hafen Zingst an. Es war eine schöne Zeit. Es muss nicht immer alles gelingen. Die Suppe war jedenfalls lecker… Ich fahre lächelnd zur Bilderflut.

2. Juni 2015: Das Außergewöhnliche in Zingst

„Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert.“

Ein Zitat von Oscar Wilde, das mir Antworten gegeben hat. Nicht nur, wenn ich im Sommer an der x-ten Gartengrillparty vorbeikomme, oder wenn ein Tisch voller lustiger Leute mit ihren vollen Feigling-Flaschen rituell auf den Tisch klopfen und mit den leeren Feigling-Flaschen ein lustiges Türmchen auf den Tisch türmen. Alles hat seinen Wert und seinen Platz. Die Frau im Büro, der Mann hinter dem LKW-Steuer und der National Geographic-Fotograf am Kraterrand. Doch im Focus stehen die Künstler, vor deren Bilder wir stehen und atemlos innehalten. „Erde extrem“ von und mit Carsten Peter. Oder gestern ganz leise Guido Daniele, der nach seiner Vernissage „Handimals“ vor dem Max Hünten Haus in Zingst, einen Frauenunterarm in einen Pelikan verwandelte. Weltweit bemalt er (nicht nur) Prominente Tiere auf den Unterarm und lässt dann großartige Fotos entstehen. „Give a hand to the animals!“ ist seine Botschaft, die sich jetzt auch auf dem Unterarm einer Zingster Lehrerin wiederfindet. Wir stehen sprachlos vor solchen Kunstwerken. Immer wieder gelingt es dem Fotofestival horizonte zingst die Sahne von der Torte der Fotografie nach Zingst zu holen. In der Leica-Galerie stellt der Jazz-Trompeter Till Brönner „Faces of Talent“ aus. Norbert Rosing, der Eisbär-Fotograf, organisiert seit Jahren für die Ausstellung in der Multimediahalle die atemberaubenden Ausstellungen der Wildlive-Fotografen, die oft monatelang in einsamer Wildnis unterwegs sind.

Eine liebe Bekannte hat sich vor Kurzem einen neuen Fotoapparat gekauft und versucht sich jetzt an schönen Bildern. „Wie schwer das ist, hätte ich nicht gedacht. Was man alles aufwenden muss, um ein gutes Fotos zu bekommen…“ Ich weiß, wo von sie redet. „Für ein gutes Fotos macht ein Fotograf fast alles“, ist ein bekannter Spruch unter Fotografen. „Ein gutes Foto muss weh tun“, sagte Norbert Rosing im Interview. Ja. Das Außergewöhnliche geht auch für den Wert dieser Welt bis an seine Grenzen. Manchmal darüber hinaus. Carsten Peter trauert um drei Kollegen seines Hurrican-Teams, die vor zwei Jahren ums Leben gekommen sind. Am Samstag starb ein National Geographic-Fotograf an Bord der „Down North“ vor der Insel Usedom. Der Schoner wollte nach Spitzbergen und geriet in einen Sturm mit Böen der Stärke sechs. Ein Windstoß brachte das Boot zum Kentern. Elf Personen konnten gerettet werden. Der im Rollstuhl sitzende Leszek Bohl (53) starb an einer Herzattacke.

Wenn wir vor den Fotos in den Ausstellungen in Zingst stehen, dann staunen wir über das Bild, den Moment, über die Ausstrahlungskraft des Werkes. Der Wert dieses Bildes ermisst sich dann oft über den Einsatz des Fotografen, um genau diesen Moment festzuhalten. Wie viel muss/will man tun für ein gutes Fotos…?!

Mit einer Verbeugung vor dem Außengewöhnlichen.

1. Juni 2015: Ich bin ein bewegtes Bild

Der Zug hat sich Bewegung gesetzt! An der Spitze die altehrwürdige Dampflok. Sie hat noch Kraft. Will noch lange nicht aussortiert werden. Ist schon so viele Strecken gefahren, kann Geschichten erzählen, kennt jeden Bahnhof. Sie steht noch unter Dampf! In den Waggons sitzen die geputzten Menschen.

Ich kann mich noch gut daran erinnern: rechts oder links? Je nachdem von wo der Wind kommt. Hast du dich falsch entschieden, so hast du die ganze Fahrt die Dampfwolken vor dem Fenster, konntest nicht rausschauen, nur wenig sehen. Jeder hat etwas anderes gesehen, je nachdem, was die Dampflok mit ihrem Dampf freigegeben hat. Jeder entschied nur für sich: das war gut. „Jeder hat sein eigenes Gut“ – wie eine Baumarktkette für sich wirbt.

Der letzte Tag im Mai ist ein eher trüber, grauer Tag. Für Landschaftsfotografen ein Fall für Schwarzweiß-Fotografie, für mystische Bilder. Porträtfotografen freuen sich über genügend Streulicht und Jutta Engelage versucht ihren Eleven „Bewegte Bilder, die bewegen“ nahezubringen. Ich bin ein bewegtes Bild. Im vorigen Jahr hatte sich Jutta gefreut, als ich für sie vor ihren Workshopteilnehmern mit dem Rad hin und her gefahren bin. Dieses Jahr strample ich gerne wieder (Ob ich auch im Kurhaus kellnern würde, hat mich noch keiner gefragt.). Also los und klack, klack klack. Mal langsam, mal schnell, mal komisch und mal direkt auf den Fotografen zu. Stehen bleiben, bitte stehen bleiben! Erst im letzten Moment ziehe ich den Lenker rum. Alle bleiben stehen und ich falle nicht vom Rad. Will auch keiner sehen. Obwohl ich es ihnen angeboten hatte! Mehrmals. Zu jedem Festival ein Sturz – bisher. Dieses Mal noch nicht…

Am frühen Abend bringt Emiliano Leonardi Farbe in den trüben Tag. Von 17 bis 18.30 Uhr porträtiert er Leute vor dem Kurhaus im Sunbounce-Zelt kostenlos. Porträts in Schwarzweiß. Auch hier ist die Farbe zwar nicht zu sehen, aber der fröhliche, witzige, kreative und unterhaltende Emiliano zaubert mit seiner Freude die Farbe in die Herzen der Zuschauer, sie lächeln, lachen und lassen sich fotografieren – bekommen ein farbiges Schwarzweiß-Bild zugeschickt. Jeder hat sein eigenes Gut – das war meins.

Übrigens: Emiliano ist täglich unweit des Kurhauses mit einem Karren Sunbounce-Reflektoren und einem Model unterwegs. „Workshop kostenlos! Sprechen Sie mich an!“ TUN SIE ES!

Titelfoto: Anke Großklaß

  1. Mai 2015: Geputzte Menschen

Das Umweltfotofestival horizonte zingst dreht die Natur einfach um. Die Honigbienen fliegen von ihrem Stock aus hinaus in die Natur um Nektar zu sammeln. Wenn das Umweltfotofestival ruft, dann ist es genau umgekehrt. Aus allen Richtungen kommen die Foto-Interessierten zu ihrem „Stock“ um Fotografie-Nektar zu saugen. Um Nahrung mitzunehmen für ein ganzes Jahr ohne Zingst. Es ist wie ein Aufatmen, ein lächelndes Aufatmen. Während der gestrigen Eröffnung im Kunsthallen Hotel Vier Jahreszeiten fiel mir Goethes „Osterspaziergang“ ein:

Aus dem hohlen finstern Tor

Dringt ein buntes Gewimmel hervor.

Da sind die geputzten Menschen wieder! Und wie sie sich freuen im lichtdurchfluteten Foyer. Dürfen sie auch, denn diese neun Tage in Zingst sind Feiertage. Raus aus dem Alltag, raus aus dem Grau des Alltags. Aufatmen. Die Kirchenglocken läuten und alle, alle kommen. Mir blieb der Vergleich mit „Mekka“ im Halse stecken. Ne ist nicht. Unschönes Bild. Wobei der Geschäftsführer EPSON Deutschland Henning Ohlsson auch mal Bilder der kaputten Welt in Zingst sehen möchte. Gibt es auch. Wird aber nicht in erster Front plakativ durch den Ort getragen. „Wir wollen die Schönheit der Welt zeigen, um zu überzeugen, dass die Welt schützenswert ist“, so das Credo des Kurators Klaus Tiedge. Und so machen sich die geputzten Menschen auf den Weg, um die Schönheit der Erde auf den Bildern in Zingst zu erleben, um selbst zu lernen, wie sie solche Kunstwerke schaffen können, oder um einfach zu verstehen, welcher Knopf am Fotoapparat schuldig an den unscharfen Bildern ist.

Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge

Durch die Gärten und Felder zerschlägt,

Wie der Fluß in Breit und Länge

So manchen lustigen Nachen bewegt,

Und, bis zum Sinken überladen,

Entfernt sich dieser letzte Kahn.

Welch ein Interesse bei den ersten Vernissagen, welch ein Gewimmel am Stand der Fotoschule im Max Hünten Haus und welch ein Andrang an der Multimediahalle, um den Vortrag von Carsten Peter  “Erde Extrem“ zu sehen. Bis „zum Sinken überladen“ war die Multimediahalle dann nicht, darf sie auch nicht, aber was möglich war, wurde möglich gemacht. Welch ein atemberaubender Vortrag! Das ist Zingst.

Da ist einiges anders. Da trifft man schon mal den Schirmherrn Michael Poliza beim Bratwurst essen an der Seebrücke. Kein Gala-Dinner. Und wie zur Belohnung schickt die Sonne einen Regenbogen an den Himmel über die Ostsee.

Hier ist des Volkes wahrer Himmel,

Zufrieden jauchzet groß und klein:

Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!

 

Übrigens: Dass alle Fotoenthusiasten aus allen Richtungen nach Zingst zu ihrem Foto-Bienen-Stock kommen, um hier Nektar zu saugen ist ganz natürlich.

 

  1. Mai 2015: Plätze einnehmen!

Was haben Kuppelstangen, Eisschnellläufer, ein Ritter, mehrere rote Ampeln, ein roter Button, ein Musterhausküchenfachgeschäft und „Das wunderschöne Grau“ mit dem Umweltfotofestival horizonte zingst zu tun?

Als kleiner junge (als ganz kleiner Junge) stand ich gerne am Bahnhof  vorne an der Dampflok und wartete darauf, dass der Stahlkoloss sich in Bewegung setzte. Mich faszinierten die riesigen Räder, die zunächst sogar größer als ich waren, und die Bewegung der Kuppelstangen, wenn sich der Zug mit seinen vielen Waggons in Bewegung setzte. Der Lokführer (mein Vater) gab mit seiner Lok einen Pfiff ab und los ging es. Nur ganz langsam setzten die Kuppelstangen die kolossalen Räder in Bewegung. Was für eine Last war zu ziehen! Und dann immer schneller, immer runder, vom Stöhnen und Ächzen der Lok bis zum kraftvollen, runden Hin und Her der Kuppelstangen begann der Zug seine Reise. Und die Lok zeigte wie ein Bodybuilder ihre Muskeln. Zog jetzt fast spielend 40 Waggons mit Reisenden nach sich. Ich bringe euch sicher ans Ziel. Ich bin stark! Immer im Takt tak, tak tak.

Heute beginnt das Umweltfotofestival horizonte zingst und es scheint mir so, als ob sich auch hier ein schwer beladender Zug mit allerlei Reisenden in Bewegung setzt. Nicht ganz so schwer, nicht so ächzend. Aber stark! Ready?, fragt der Starter beim Eisschnelllauf und die Kufen-Cracks nehmen ihre Position ein. Schuss! Und los. Bevor der Ritter im Turnier gegen den Gegner antritt, klappt er sein Visier runter. Bei der Formel 1 heulen die Motoren auf, wenn die roten Ampeln aufleuchten und damit den Start ankündigen. Mit dem Roten Button wurde im vorigen Jahr die letzte Bilderflut des Fotofestivals 2014 gestartet.

Der Leiter der Fotoschule geht nochmal die heutigen ersten Workshops durch. Alles klar? Vernissagen stehen auf dem Plan, heute Nachmittag wird das Fotofestival offiziell eröffnet. Die Redner gehen noch einmal den Redetext durch. Noch eine schöne Formulierung finden. Aufgeregt. Lampenfieber? CARÒ wird singen! Im Kurhaus werden die letzten Stecker gesteckt, das Bilderflut-Team nimmt Platz für die kommenden neun Tage und das Kultur-Team fiebert auf die erste Multivisionsshow hin. Ein Tag mit Herzklopfen.

Ich freue mich schon auf die erste Bilderflut heute Abend, auf den Augenblick, indem die Moderatoren Christian Schulze und Rico Nowicki ihre tägliche 12,5 m Jogging-Einheit absolvieren, um ihren Platz vor der XXL-Leinwand einzunehmen, und die vielen erwartungsfrohen Besucher begrüßen. Dann genau hinhören. Die beiden geben sich vor Beginn der Moderation ein Nonsens-Wort mit, das der andere in seine Moderation einbauen muss. „So ein Abend heute hier am Strand ist das wunderschön. Viel schöner, als in einem Musterhausküchenfachgeschäft zu stehen“, zum Beispiel. Film ab.

Achso, was das Lied von Stefan Gwildis „Das wunderschöne Grau“ mit dem Fotofestival horizonte zingst zu tun hat? Gar nichts. Das ist ein einfach ein doofes Lied.

 

  1. Mai 2015: Das kleine graue Büro

Es ist wieder soweit: die Flaggen an der Seebrücke in Zingst sind gehisst. Das 8. Umweltfotofestival „horizonte zingst“ wird am Sonnabend eröffnet.

Die Strippen für dieses neuntägige Event werden in einem kleinen grauen Büro im Max Hünten Haus gezogen. Wer während der unmittelbaren Vorbereitungsphase diesen Raum mit den gefühlt viel zu wenigen Arbeitsplätzen betritt, den umwebt eine Matrix von Telefonanrufen, Diskussionsrunden, ernsten Gesichtern, lautem Lachen, Freude und auch Ärger, Hast und Konzentration, Begegnungen, Hände- und Kopfschütteln, Kaffeeduft, heiße Luft und frischem Wind, von pommersche Gelassenheit und internationalem Touch. Hier, in diesem kleinen grauen Büro, wird das Umweltfotofestival „horizonte zingst“ vorbereitet. Ein Event, das sich in den vergangenen Jahren einen Namen gemacht hat. Deutschlandweit und auch international. Umwelt und Fotografie verbinden sich hier zu einer idealen Symbiose. Ein ganzes Jahr lang freuen sich Freunde der Fotografie auf dieses Event. Auf die hochwertigen Ausstellungen, auf die Workshops, die Vorträge, auf die Multivisionsshows und natürlich auf die Bilderflut am Abend an der Seebrücke. Das Umweltfotofestival in Zingst ist auch ein Klassentreffen der professionellen Fotografen, der Druck- und Fotoindustrie. Man kennt sich. Man lernt sich kennen. Für Hobby-Fotografen Professionalität zum Anfassen. All das geht von dem kleinen grauen Büro im Max Hünten Haus aus, das nur mit den Augen Farbigkeit vermisst. Aber die Fotografie-Seele geht hier in Farben spazieren, mit Kreativität als Schmuck am Hut, mit dem Mut, sich zu zeigen, einzuladen, Hände zu reichen, zu schütteln, zu umarmen und stolz zu sagen: Das sind wir! Natur und Fotografie sind hier zu Hause. Es ist nur scheinbar ein kleines graues Büro.

Heute Abend ist „get together“ an der Lounge an der Seebrücke. Ein Grund sich zu freuen. Einen Moment kurz inne zu halten. Sich freuen über das bisher Geleistete und auf das, was in den kommenden neun Tagen folgen wird. Einatmen. Es geht los.