Unter rotbraunen Segeln

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Unter rotbraunen Segeln

Die „Sannert“ fährt gegen den Wind. Andreas Schönthier, der Eigner des Zeesbootes (hochdeutsch: Zeesenboot) mit der Registerkennung FZ33, und sein Bootsmann Lars Engelbrecht stehen am Ruder und halten Ausschau nach der besten Startposition für die Drift auf dem Saaler Bodden. Es ist Mitte September und drei Tage lang lädt der „Verein der Zeesner“ zum Schaufischen, wie es Jahrhunderte lang auf Haff und Bodden
ausgeübt worden ist, ein. Es sind die Boote mit den braunen Segeln, die vor allem in der Region um Fischland-Darß-Zingst, für spektakuläre Bilder sorgen. Jeder, der in dieser Region Urlaub macht, sollte wenigstens einmal mit einem Zeesboot mitsegeln. Am besten, wenn ordentlich Wind weht, oder gleich bei einer Regatta. Endorphin-Ausschüttung garantiert.

Andreas Schönthier mit seiner „Sannert“ und drei weitere Vereinsmitglieder der „Zeesner“ zeigen an diesem Wochenende den historischen Hintergrund einer einstmals stolzen Flotte der Driftfischerei.

Zeesboote sind hölzerne Segler, die in Bodden, Haffs und Nehrungen mit einem sackförmigen Netz (Zesse) per Drift auf Fischfang gingen. Die älteste bekannte Erwähnung einer „Seyse“ findet sich in Buggenhagen bei Lassan im Stettiner Haff. Die Schleppnetzfischerei wurde zunächst intensiv von den Städten Stralsund und Stettin betrieben, die mit größeren Zeeskähnen auf Fischfang gingen. Erst um 1800 entwickelten sich aus den Fischerdörfern heraus die kleineren, aber effektiveren Zeesboote. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts breitete sich die Zeesenbootfischerei auch an die Küsten Schleswig-Holsteins und Dänemarks aus. Damit hatte die Schleppnetzfischerei ihren Höhepunkt erreicht. Im Bereich der Oberfischmeisterei Stralsund wurden 318 Boote gezählt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam das Zeesenfischen nur langsam in Gang. Neue Zeesboote werden kaum noch gebaut. In den 50-er und 60-er Jahren erfuhr die Schleppnetzfischerei auf Fischland-Darß-Zingst eine Renaissance. Aber immer mehr Segler wurden mit Motor und Ruderhaus ausgerüstet. Dennoch lohnte sich das Zeesbootfischen kaum noch. Immer weniger Fischer beantragten einen Erlaubnisschein zum Zeesen.

Es ist frisch geworden auf der „Sannert“. Gischt spritzt auf Deck. Die beiden Urlauber aus Sachsen holen sich Öljacken aus der Kabine. Vater und Schwiegersohn sind mit T-Shirt, kurzen Hosen und Sandalen an Deck gekommen. Torsten Thieme und sein Schwiegersohn Michael Köhler machen seit vielen Jahren Urlaub auf dem Darß. Endlich haben sie es einmal zum Zeesbootfischen an Bord geschafft. Hartmut Loth aus Eilenburg ist gerade die große Zeesbootregatta in Bodstedt eine Woche zuvor mitgesegelt. Dabei hat er allerdings seinen Fotoapparat verloren. Nun also ein neuer Versuch.

Der Architekt Hans-Peter Burmester aus Hamburg ist ein erfahrener Segler. Er hat mit seiner Frau selbst ein Segelboot. „Aber so unter braunen Segeln, so ganz traditionell Fischen fahren, das ist dann doch etwas Besonderes“, freut er sich. Es erinnert ihn ein wenig an seiner Zeit mit seinem Opa, der Stellnetzfischer war. Die Crew komplettiert Gina, eine Deutsche Drahthaar-Hündin des Schiffseigners.

Andreas Schönthier stellt den Motor ab. Früher sind die Fischer gegen den Wind gekreuzt. So viel Zeit sollte nun nicht vergehen, bis die richtige Position gefunden ist und das Netz ausgelegt wird.

Lars Engelbrecht legt das Boot quer zum Wind. Kapitän Schönthier schaut noch einmal auf die Driftstrecke. Er schaut auf die Stellnetz-Positionen, da muss er die „Sannert“ durchnavigieren. Dann wird das Netz zu Wasser gelassen. Es ist dieses Mal eine Aalzeese, 30 bis 40 Jahre alt, 10 bis 12 lang, zirka 1,50 m hoch, geöffnet im Drift ist die Zeese 10 bis 12 m breit. Andreas Schönthier hat das Netz lange nicht genutzt. Bis 1987 ist er selbst noch Zeesenfischen gewesen. In den Zanderschonwochen ist er mit diesem Netz auf Aal gegangen. „Mal sehen was wird“, sagt er mit einem Grienen und legt gemeinsam mit Michael Köhler das Netz aus. Jetzt ist alles getan. Bei Windstärke Vier füllen sich die stabilen, baumwollähnlichen braunen Segel, das Boot liegt gut und eigentlich, so Schönthier, könne der Fischer jetzt schlafen geht. Macht er aber dieses Mal nicht. Andreas Schönthier erzählt vom Zeesenfischen.

Von März bis Ende September waren die Fischer mit ihren Booten auf Schleppnetzdrift. Manche blieben sogar bis Weihnachten – je nach Witterung. Zwei bis sieben Windstärken sind zum Zeesen erforderlich: Mit hochgezogenem Schwert lässt man das Boot quer zum Wind treiben. Die Zeese, ein 20 Meter langes Schleppnetz, wird mit bis zu 60 m langen Zugleinen an den Driftbäumen befestigt und weit geöffnet steuerbords nachgezogen. Eine Drift dauert zirka zwei Stunden. Zumeist waren die Zeesener, wie man die Zeesenfischer nannte, nachts unterwegs, oft eine ganze Woche am Stück. Wenn man am Morgen das Boot festmachte, wurde der Fisch gleich an Ort und Stelle an Zwischenhändler verkauft. Wenn es gut ging, dann hatte man 50 Pfund Fisch an Bord. Mit dem Eigenbedarf im Gepäck fuhren die Fischer todmüde mit der Bahn nach Hause, um abends wieder an Bord zu gehen. In den Wintermonaten knüpften sie ihre Netze selbst. Da wurde von morgens bis abends durchgearbeitet. Die braune Farbe der Zeesboote wurde durch das „Lohen“ erreicht. Die Segel wurden in eine fetthaltige, ölige (Tran, Fisch- und Leinöl) Brühe, die Lohe, gelegt. Dazu wurde Ockerpulver und Holzteer gegeben. Jeder Fischer hatte da so seine eigene Rezeptur

Seit 1982 zeest Andreas Schönthier auf den Boddengewässern. In den 90er Jahren wurde die Schleppnetzfischerei innerhalb der 3-Meilenzone verboten. Somit war auch der Zeesenfischerei in den Boddengewässern die gesetzliche Grundlage entzogen.

Im Mai 2001 gründete Andreas Schönthier den „Verein der Zeesner e.V.“, mit dem Ziel, die Driftfischerei unter Segeln der Nachwelt zu erhalten und interessierten Menschen zu demonstrieren. 20 Mitglieder hat der Verein jetzt. Höhepunkt der Vereinstätigkeit ist das jährliche Schauzeesen im September.

Nach gut einer Dreiviertelstunde wird das Netz eingeholt. Jetzt fasst Lars Engelbrecht mit an und Hans-Peter Burmester sitzt am Steuer. Gleich ist es soweit und die Ergebnisse des Schaufischens zappeln an Deck. Doch was da zappelt sind ganz kleine Fischlein – Stints. Sie sind nicht größer als 15 bis 20 Zentimeter. Sie alle gehen wieder über Bord. Einzig ein Dorsch muss bleiben. Zappelnd in seiner Wanne wird er neugierig vom Gina beäugt. Andreas Schönthier wirft eine Decke drüber. „Der viele Stint ist gut. Reichlich Nahrung für die größeren Fische im Bodden“, sagt Andreas Schönthier, der selbst noch als Fischer arbeitet und mit seiner Frau eine Pension und ein Restaurant direkt am Althäger Hafen, einem Ortsteil von Ahrenshoop, führt. „Das Netz war lange nicht gebraucht. Es muss sich erst mit Wasser vollsaugen, damit es tiefer liegt“, erklärt der Ahrenshooper. „Beim nächsten Mal wird es besser“, lacht er. Doch er denkt schon an das kommende Wochenende. Mit der Althäger Fischerregatta wird die Zeesbootregatta-Saison 2014 beendet. Da muss noch mal gutes Wetter sein. Er und seine Mitorganisatoren haben so viel vorbereitet.

Zeesbootregatten gibt es seit 1965. Damals organisierte der Bodstedter Ekkehard Rammin die 1. Bodstedter Zeesbootregatta. Acht Fischer konnte er für die erste Wettfahrt gewinnen. Fischer Helmut Lange aus Pruchten war der erste Gewinner. Nach den ersten Zeesbootregatten kam es dazu, dass sich immer mehr Sportsegler für die Fischersegler interessieren. 1985 wurde die 1. Wustrower Zeebootregatta ausgetragen. Dierhagen, Althagen, Barth und Zingst kamen bis 2003 hinzu. Die Zeesbootregatten gehören jetzt untrennbar zur Region um Fischland-Darß-Zingst dazu. Am 6. September 2014 wurde die 50. Bodstedter Zeesbootregatta ausgetragen. Ziel der Organisatoren um Nils Rammin, dem Sohn von Ekkehard Rammin, war es, 50 Zeesboote an den Start zu bekommen. 110 Zeesboote stehen im Zeesbootregister mit einer „FZ-Kennung“. Davon existieren noch 85 Boote, 79 sind aktiv. Es war also für die Bodstedter nicht ganz einfach ihre Zielsetzung umzusetzen. Ekkehard Rammin und sein Sohn Nils haben sich sehr verdient um den Erhalt der Zeesboote gemacht. Aus einer alten Fischerreigenossenschafts-Werft gründete Ekkehard Rammin 1990 die Werft „Rammin und Söhne“. Die Überholung und Reparatur von Zeesbooten wurde ihr Markenzeichen. Lange Zeit hatte die Werft damit genug Arbeit. Ständig kamen neue Kunden hinzu, Fischer, die ihre Liebe zu den Zeesbooten erhalten und Sportbooteigner die sie entdeckt haben.  „Ich habe nie gezählt, wie viele Zeesboote wir gebaut und aufgebaut oder überholt haben“, sagt Nils Rammin, der die Werft 2002 übernommen hat. „Aber seit drei, vier Jahren stagniert die Arbeit an den Booten. Es gibt einfach zu wenig Nachwuchs“, so Nils Rammin. Zwei Zeesboote seien auf seiner Werft in Arbeit, drei weiteren Eignern ging das Geld aus, so dass die Boote jetzt auf der Werft stehen. Er selbst hat mit der „Marie“, der „Johanna“ und der „Old Lady“ drei Zeesboote, die teilweise für Charter vergeben werden. Die „Old Lady“ ist das älteste Zeesboot unter Segel. Sie wurde 1876 vermutlich in Stralsund gebaut. Es gibt Interessenten für das Schiff, die ab und zu mal mit ihr auf die Boddengewässern hinaus segeln.

Wer Lust am Mitsegeln hat, der kann eines der zehn Boote nutzen, die in der Saison mit Urlaubern unterwegs sind. Achim Radke aus Zingst liegt mit seiner „Dorothea“ im Zingster Hafen und segelt seit 2000 von April bis September mit bis zu 12 Gästen für gut eineinhalb Stunden vom Zingster Strom aus in Richtung Müggenburger Fähranleger oder bis zu Meiningenbrücke. Im September/Oktober lädt er zu Kranichtouren ein. „Zumeist segeln wir natürlich und der Motor, den ich noch im Zingster Strom brauche, bleibt aus. So können wir die Ruhe genießen und die Vögel zwitschern hören. Natürlich erzähle ich auch Historisches aus der Region und erkläre Flora und Fauna“, beschreibt Achim Radke, der auf Hiddensee geboren wurde, seine Touren. Es ist schwer, als Zeesbooteigner vom Tourismus zu leben. Wichtig sei der Standort, das Wetter, die persönliche Einsatzbereitschaft. Bis zu fünf Mal am Tag legt Achim Radke in der Saison ab. Seine „Dorothea“, die 1925 auf der „Holzerlandschen Werft in Barth gebaut wurde, kann man auch zu besonderen Anlässen, wie Geburtstage und Hochzeiten buchen. Doch das Geschäft ist seit 2007 schwerer geworden. In den neuen Sicherheitsbestimmungen für Zeesboote ist unter anderem aufgenommen worden, dass ein zweiter Decksmann bei Ausfahrten mit Gästen an Bord sein muss. Das grenzt den möglichen Gewinn des Schiffsführers ein. Eigner eines Zeesbootes zu sein, ist allem vor allem ein zeit- und geldaufwendiges Hobby, das Nachwuchs rar macht. Nils Rammin versucht ein wenig dagegen zu steuern, indem er die „Johanna“ dem Ribnitzer Segelclub für die Jugendarbeit zur Verfügung gestellt hat. Seine Mühe um die 50. Bodstedter Zeesbootregatta hatten auch einen grandiosen Werbeeffekt: Bei bestem Wetter machten 52 Zeesboote am Hafen von Bodstedt los. Es bot sich ein gigantisches Bild der Flotte mit den braunen Segeln auf dem Bodstedter Bodden. Einer der Gewinner in seiner Bootsklasse war: Andreas Schönthier.

 

Termine Zeesbootregatten 2015:

 

  1. Juni Zingst
  2. Juli Wustrow
  3. Juli Dierhagen
  4. Juli Barth
  5. September Bodstedt
  6. September Althagen

 

Info: www.braune-segel1.de

 

11.-13. September Schauzeesen Althagen