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Vom pommerschen Bodden in die ganze Welt

Immer wenn etwas aus deinem Leben verschwindet, ist das nur ein Zeichen dafür, dass etwas Besseres unterwegs ist. Doch von allein schließt sich keine Lücke.

Mit Tatkraft muss sie gefüllt werden. Als in Barth die Segelschifffahrt 1871 auf ihrem Höhepunkt war, hatte die Zukunft schon begonnen. 1872 gründete der Kaufmann Wilhelm Kobes in der jetzigen Langen Straße eine Maschinenfabrik. Sie belieferte die Schiffswerften mit Eisenteile. Damit war der Startschuss für das Industriezeitalter auch in Barth gegeben. Es war die Zeit, in der Produkte der Stadt in die ganze Welt geliefert wurden. Das Barther Bier wurde ja schon vom Kaiserlichen Feldherrn Wallenstein im 17. Jahrhundert gerühmt. Die Brautradition hielt sich bis ins 20. Jahrhundert (?). Der Barther Peter Kreeft erfand den Taucheranzug, Ferdinand Jühlke lieferte entscheidende Beiträge zum wissenschaftlichen Gartenbau und initiierte die 1. Internationale Gartenbauausstellung. Der Optiker und Erfinder Friedrich Adolph Nobert forschte in Greifswald an Mikroskopen, baute Schiffschronometer und Uhren. Die Produkte der Fischkonservenfabrik von Friedrich Wilhelm Krüger waren vor allem in Übersee beliebt. Die Wirtschaft boomte und die Segelschifffahrt machten am Hafen Platz dafür. So entstand auf dem Gelände der Witteschen Werft das Dampfsägewerk von Gustav Wiegels. An der Hafenstraße gelegen baute eine Möbelfabrik ihre Produkte zusammen. Die schon erwähnte Fischkonservenfabrik entstand am Hafen, ebenso eine Dampfmühle für Getreideverarbeitung mit dem riesigen Kornsilo. 1891 gesellte sich die Zuckerfabrik in den industriellen Reigen am Wirtschaftshafen hinzu. Die Wirtschaft in Barth entwickelte sich rasant – auch durch die geschaffenen infrastrukturellen Veränderungen. 1888 wurde die Eisenbahnstrecke Stralsund-Ribnitz, mit dem Abzweig Velgast Barth eröffnet. Zwar fuhr die Kleinbahn Stralsund-Barth-Damgarten bereits 1894, transportierte da aber nur Rüben und Milch. Am 5. 5. 1895 wurden nach der offiziellen Eröffnung am Vorabend erstmals auf dieser Bahn Personen befördert. Am 30.11.1910 ging es per Schienenstrang von Barth nach Prerow: die Darßbahn über die Meiningenbrücke war eröffnet. Zu dieser Zeit erlebte Barth nach 1871, als die Segelschifffahrt auf ihrem Höhepunkt war, erneut goldene Zeiten. Die Maschinenfabrik von Wilhelm Kobes hatte sich auf die Herstellung landwirtschaftlicher Maschinen umgestellt. 1874 zog die Fabrik in die Chausseestraße und gründete sich als Maschinenfabrik und Eisengießerei neu. 1880 verkaufte Kobes an die Kaufleute Schlör und Salchow, die mit dem „Schlörschen Düngerstreuer“ die Fabrik wieder flott machten. Als der Kapitalbedarf weiter wuchs, wurde der Betrieb 1890 eine Zweigstelle der Pommerschen Eisengießerei AG Stralsund. Die Fabrik konnte weiter ausgebaut werden und beschäftige 1902 60 Arbeiter. Es ging weiter aufwärts. Die Erzeugnisse der Gießerei erfreuten sich größter Beliebtheit So kamen gusseisernen Wasserleitungen für Barth von der Pommerschen Eisengießerei AG (PEMAG). 1910 wurde mit einer 65 PS starken Dampfmaschine elektrisches Licht erzeugt. 1914 zählte der Betrieb, der nun mit den verschiedensten Landmaschinen erfolgreich war, 150 Beschäftigte. Die Fischkonservenfabrik von Friedrich Wilhelm Krüger konnte um die Jahrhundertwende 100 Arbeiter aufweisen. Angefangen hatte die Fabrik 1861 mit zwei Arbeiterinnen. Die Industriebetriebe in Barth hatten natürlich auch mit den Auswirkungen des I. Weltkrieges zu kämpfen. Die Maschinen- und die Fischkonservenfabrik erholten sich jedoch schnell. Die PEMAG überstand einen Großbrand 1928 und die Zusammenlegung der Verwaltungen in Barth und Stralsund. Die Fischkonservenfabrik hatte sich im großen Konkurrenzkampf im Nahrungsmittelbereich „Fisch“ durchzusetzen. Die Zuckerfabrik hatte es deutlich schwerer, sich immer wieder am Markt und in Krisenlagen durchzusetzen. 1920 schloss sie nach einer Kampagne für viele Jahre ihre Pforten. 1891 nahm sie ihren Betrieb auf und verarbeitete in der Kampagne 1913/14 112 000 Tonnen. Die meisten Betriebe der Boddenstadt überstanden die turbulenten 20-er Jahre mehr oder weniger unbeschadet. Im Jahre 1928 wurden folgende „Industrielle Unternehmungen“ in Barth registriert: * Barther Aktienbürstenfabrik Inhaber H. Dichelt, * Barther Aktiendampfmühle, * Barther Dampfsägewerk Inhaber Gustav Wiegels, * Barther Kunststein- und Zementfabrik Inhaber Manteufel & Gühlcke, *Barther Jutespinnerei und Weberei, *Barther Lederfabrik, *Barther Möbelfabrik, *Barther Molkerei-Genossenschaft, Barther Zuckerfabrik, *Pommersche Eisengießerei, *Fischkonservenfabrik F.W. Krüger, Städtische Licht- und Wasserwerke, *Kohlen- und Eisengroßhandlung, *Zementfabrik. Neben all diesen Industrieunternehmen entwickelte sich ein Gewerbezweig buchstäblich still, der vor allem nach dem II.Weltkrieg mit prägend für Barth sein wird: der Gartenbau. Mit einer kleinen Gemüsegärtnerei begründete Hermann Klissing 1818 die bis 1945 währende Familientradition im Gartenbau, der Samenzucht- und Handels. Hermann Klissings Sohn, Carl Ludwig Klissing, machte den Gartenbaubetrieb über Barth hinaus bekannt und experimentierte mit der aus Südamerika stammenden Zierpflanze Caladie. 1861 wurde der Klissing-Staffelstab an Hermann Klissing jun. weiter gegeben. Die Gärtnerei erwarb sich auch außerhalb Deutschlands einen guten Ruf, sie kultivierte Gewächshaus- sowie Freilandpflanzen, widmete sich der Samenzucht und dem Samenhandel und der Blumenbinderei. Die Dahlienzucht erhielt 1869 auf der Internationalen Gartenbauausstellung in Hamburg eine Auszeichnung. Die Kultivierung von 550 Caladien-Sorten brachten der Firma um 1900 eine führende Stellung in Europa ein. Aus Barth wurden Knollen in alle Welt versand. Ab den 20-er Jahren züchteten und sammelten die Klissing-Arbeiter Kakteen. Barther waren unter anderem in Mexico und Brasilien unterwegs, um Exoten nach Vorpommern zu bringen. Der Barther Gartenbau war ein Markenbetrieb für Deutschland. Anfang der 30-er Jahre mussten die Barther Betriebe die Weltwirtschaftskrise überstehen, nicht ohne Schaden zu nehmen. So erfolgte in der Zuckerfabrik von 1931 bis 1935 keine Kampagne. Die Niemannsche Lederfabrik, inzwischen von Ferdinand Schilling geführt, wurde 1932 liquidiert. Erst zwei Jahre später wagte Schilling einen erfolgreichen Neuanfang, der bis 1939 recht gut lief, wie es Ferdinand Schilling in seiner Biografie ausdrückte. Sehr gut liefen auch die Pommerschen Eisengießerei, die Fischkonservenfabrik und die Molkerei, die 1893 als „Molkerei-Genossenschaft eGmbH Barth“ gegründet wurde. Doch der II.Weltkrieg machte alles zunichte. Die Eisengießerei wurde demontiert, die Zuckerfabrik musste von vorne anfangen, die Fischkonservenfabrik war verschuldet und der Gartenbaubetrieb Klissing wurde in Treuhandschaft der Stadtverwaltung Barth gegeben. Die Zeit des Wiederaufbaus brachte neue Chancen. Doch der Wiederaufbau in der sowjetischen Besatzungszone sollte in Richtung Sozialismus gehen. 1948 hörte die Pommersche Eisengießerei AG auf zu existieren und ging in Volkseigentum über. Daraus entwickelte sich dann der VEB Landmaschinenbau. Angefangen wurde mit Rübenschneidern und Häckselmaschinen. 1950 wurde mit dem Neubau der Gießerei begonnen. 1951 erfolgte der erste Abstich. 120 T Graugussteile stellte die Graugießerei her. Aufbauarbeit auch in der Zuckerfabrik. Es war die Zeit der Aktivistenbewegung, der Zwei- und Fünfjahrespläne. Um- und Neubauten beherrschten die ersten Jahre des VEB Zuckerfabrik. Für die Fischkonservenfabrik begann die Nachkriegszeit als Offene Handelsgesellschaft F-W. Krüger. Umfangreiche Regierungsaufträge sicherten trotz Verschuldung die Zukunft. 1953 siedelten die Besitzer Otto Krüger und F.W. Krüger jun. in die BRD und die Stadt Barth übernahm den Betrieb in Treuhandschaft. Der Betrieb wurde ins Volkseigentum überführt und als VEB Fischverarbeitung Barth am 12.12.1956 in das Handelsregister des Kreises Ribnitz-Damgarten eingetragen. Der Klissingsche Gartenbaubetrieb nahm ebenfalls den Weg ins Volkseigentum: 1949 als „Volkseigene Gärtnerei“, 1952 dann unter „Volkseigenes Gut Gartenbau Barth“ und später als „VEG Saatzucht Zierpflanzen Barth“. Die Lederfabrik wurde zunächst an den Treuhandbetrieb „Großtischlerei W. Goldbeck“ verpachtet (1951) und firmierte ab 17.03.1953 unter dem Namen „VEB (K) Holzindustrie zu Barth-Mecklenburg“. Auch die Molkerei wurde dem Volke zugeführt. Franz Wiese schrieb in der Festschrift zum 700-jährigen Bestehen der Stadt Barth stolz: „Denn beute gehört die Molkerei wieder unseren gesamten Werktätigen Einzelbauern und Genossenschaftsbauern (LPG).“ Die sozialistische Wirtschaftsideologie hatte sich auch in Barth auf breiter Front durchgesetzt.