Von Damgarten nach Montevideo

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Von Damgarten nach Montevideo

Stralsund und Rostock liegen nicht direkt am Meer. Hamburg erst recht nicht. Warum also sollte nicht auch Ribnitz eine bedeutende Hafenstadt werden? Zumal die Stadt mit Wustrow-Ribnitz im 14. Jahrhundert einen Zugang zur Ostsee hatte und die Zufahrt über den Saaler Bodden und den Ribnitzer See ja auch nicht schwieriger sein kann, als einen Hafen über einen Fluss oder Sund zu erreichen.
Die Geschichte der Schifffahrt und der Werften in Ribnitz und Damgarten ist eng mit der Fischländer Seefahrertradition verbunden. Man sagt, die günstige Lage der Region erkannte einstmals auch der Seeräuber Störtebeker, der in den Boddengewässern Zuflucht suchte. Aber nicht nur Störtebeker kreuzte in den Boddengewässern. Als „Operationsbasis“ für Seeräuber war das Boddengebiet um den Klipphafen Wustrow-Ribnitz bei Handelsleuten gefürchtet. So wird berichtet, dass im Frühjahr 1391 bewaffnete Stralsunder unter Carsten Sarnow die Piraten im Ribnitzer Binnensee überfielen, 100 Seeräuber festnahmen und sie in der Hansestadt Stralsund hinrichteten. Doch das Problem konnte nicht gänzlich gelöst werden. Um 1400 wurde es den Hansestädtern über, sich ständig mit dem Piratenproblem herumzuschlagen und eventuell noch Konkurrenz zwischen Rostock und Stralsund zuzulassen. In einer konzertierten Aktion wurden in den Ostsee-Zufahrten bei Wustrow und Ahrenshoop Schiffswracks versenkt, so dass eine Durchfahrt zur Ostsee unmöglich wurde. Das Konkurrenz- und Piratenproblem war nun für alle Zeit gelöst. 1401 wurde auch Klaus Störtebeker in Hamburg hingerichtet.
Doch die Sehnsucht der Fischländer, auf große Fahrt zu gehen, blieb ungestillt. Bereits im 18. Jahrhundert mischten sie unter den Großen der Schifffahrt wieder mit. Im gesamten Boddenbereich entstanden Werften, mit deren Schiffe die Kapitäne unserer Region die Welt bereisten. Die Dierlingsche Werft nahm ihren Betrieb 1762 in Damgarten auf. In Ribnitz begann 1781 die Sanitärsche Werft Segelschiffe zu bauen. Es folgten die Werften J.C. Peters (1825) und J.H. Wilken (1840). Diese Werften fertigten Segelschiffe vor allem für die Rostocker Flotte, die zu großer Mehrheit mit Fischländer Kapitänen besetzt war. Diese Flotte zählte 1870 370 Schiffe und war nach Hamburg (405) die größte Wirtschaftsmacht unter Segeln.

Der aus einer Ribnitzer Kapitänsfamilie stammende Hans Griese (1875-1965) brachte 1961 eine kleine Broschüre unter dem Titel „Zur Geschichte der Schiffahrt und des Schiffbaus“ heraus. Darin dokumentierte er, dass auf den Werften rund um den Bodden (in fast allen Boddendörfern) insgesamt 900 Schiffe gebaut wurden. Allein 500 entstanden in Barth. Ribnitz stellte 140 her und Damgarten 82. Die bedeutendste Werft am Ribnitzer See war die Damgartener von Nicolaus Dierling. Dieser hatte sein Handwerk als Schiffszimmermann in Stralsund erlernt. Alle anderen Werftinhaber in Ribnitz hatten bei ihm gelernt. Die Dierlingsche Werft wurde bis 1880 in drei Generationen betrieben. Vornehmlich Barken, Briggen und Schoner wurden auf den Werften in Ribnitz und Damgarten gebaut. Das größte Segelschiff entstand mit der „Präsident Trotsche“ auf der Ribnitzer Werft J.H. Wilken. Die Bark hatte 504 Reg.-Ton. und maß bei 9.60m Breite 42m in der Länge. Mit der Größe der Schiffe begann auch das Problem der Ausschiffung auf die Ostsee. Durch die geringe Tiefe des Boddengewässers gestaltete sich die erste Fahrt des jeweiligen Segelschiffes äußerst kompliziert. Mit so genannten „Leichtern“ hob man den Kiel des Schiffes an. Offene Yachten wurden an dem Schiffsrumpf befestigt, mit Wasser gefüllt und anschließend leer gepumpt. So gewann man entscheidende Dezimeter. Eine Überführung in das offene Fahrwasser konnte, wie im Extremfall bei der „Johann Daniel“ (Dierlingsche Werft, 1856/57), bis zu zehn Monate dauern. Doch dann ging es hinaus in die Welt. Die Berichte über die Reiserouten der in Ribnitz und Damgarten gebauten Schiffe lassen alte Kindheitsträume und Seefahrerromantik aufleben. H.D. Bradhering, ein Wustrower Schiffer, nennt in seinem Logbuch Montevideo (Uruguay) als ein Reiseziel. Wahrscheinlich beteiligte er sich mit seiner Bark „Friedrich und Louise“ am Krimkrieg. Aufzeichnungen führte er dazu nicht, aber als er nach einem halben Jahr „Stillstand“ aus Marseille zurückkehrte, gab er bei H. Dierling eine neue Bark in Auftrag: die „Johann Daniel“, mit der er bis 1881 auf allen Weltmeeren unterwegs war.

Doch bei aller Seefahrerromantik wissen die „Landratten“ nur zu gut, dass sie die schwere Arbeit und die Gefahr, in der die mutigen Männer täglich schwebten, nur verklärte. Viele Seeleute blieben auf See, die Liste der untergegangenen Schiffe ist lang. Als gegen Ende des 19. Jahrhundert die Segelschifffahrt ihrem Ende zuging, konnte auch Ribnitz für sich verbuchen, eine „Schifferstadt“ gewesen zu sein. 1874 wohnten in Ribnitz 54 „Schiffer“ (damalige Bezeichnung für Kapitän), jährlich wurden Seemannsbälle abgehalten. In den 40-er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde sogar geplant, eine Navigationsschule in Ribnitz zu bauen. Doch die Stadtväter lehnten ab. Die jungen Seeleute würden zu viel Unruhe in die Stadt bringen. 1846 wurde die mecklenburgische Navigationsschule in Wustrow errichtet. Welch eine verpasste Chance.