Schlaraffenland?

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Faules Fisch – sind satirische Texte…

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Schlaraffenland?

Die KIEK AN!, die Zeitschrift des DJV in Mecklenburg-Vorpommern, hat im Frühjahr dieses Jahres (2016) eine komplette Ausgabe für und von Freien Journalisten gestaltet. Dabei bat sie Freie Journalisten um Artikel, in denen sie eine Art Zustandsbeschreibung ihres Seins aufschreiben sollten.

Hier ist mein Text:

Am 1. Februar 2016 habe ich mein 20-jähriges Dienstjubiläum als Freier Journalist begangen. Was für eine langweilige Einleitung für diesen Text. Dabei kommt mir diese Zeit wie eine Alpenwanderung vor. Blutig habe ich mich über die Berge geschunden. Der Gipfel liegt schon hinter mir, das grüne Tal ist schon am Horizont zu sehen. Erschöpft, verletzt und voller Blut klettere ich hinunter. Ich atme schwer und nur manchmal dringt ein Lächeln bis auf die Lippen vor, wenn ich daran denke, was schon hinter mir liegt. Und dennoch: Gerade beim Abstieg rutschen viele aus, fallen tief und erreichen nicht lebend ihr Ziel. Konzentriert bleiben. Kreativ sein. Die Spannung aus Zukunftsangst und Neugier, aus „What a man!“ und  „Versager“ zerrt am Nervenkostüm.

Ich wollte nicht Freier Journalist werden. Doch die Redakteursstelle nach meinem Volontariat bekam ein anderer. Ich musste Freier Journalist werden. Meine Frau war im dreijährigen Babyjahr. Nach einem kurzen Comeback als Lehrer flatterte mit meinem Start aus der Arbeitslosigkeit in die Freelancer-Karriere das Angebot für ein regionales Wochenblatt in den Briefkasten. Es kam endlich wieder Geld ins Haus. Ich konnte mich zwischen Artischockentechnik der Frauengruppe der Arbeiterwohlfahrt und Stockcar-Rennen im Grimmener Hexenkessel übend freischreiben. Es gab da Leute, die an mich glaubten.

Ich schrubbte gewerbliche Sonderthemen für die Ostsee-Zeitung wie Kohlen in den Kessel für ein Dampfschiff im Kampf um das Blaue Band. Zimperlich war ich nicht. Ich regele das! Ich schaffe das!

Zimperlich durfte man auch nicht sein. Sonst hat den Job die schreibende Hausfrau Irmtraut bekommen. Die hat früher in der Schule auch immer Einsen in den Aufsätzen geschrieben. Freier Journalist zu sein kann auch bedeuten, sich für Drecksarbeit oder für Selbstachtung entscheiden zu müssen, für ein paar Groschen mehr oder als armer Poet mit einem Regenschirm am Tag im Bett zu sitzen, weil an Heizung gespart werden muss. Und nachts träumt der Regionalschreiberling davon, Kolumnist für „Die Zeit“ zu sein, oder den Bestseller herausgebracht zu haben.

Der Glücksfall für mich war der „Urlaubs-Lotse Fischland-Darß-Zingst“, für den ich zehn Jahre als verantwortlicher Redakteur arbeiten durfte. Die Aufgabe machte es notwendig, dass ich mich in der Fotografie weiter entwickeln musste. Statt Versicherungsvertreter mit Telefon am Ohr zu knipsen, begann ich Landschaftsfotos vom Darßer Weststrand zu komponieren. Statt Klempner vor dem Firmenauto Aktfotografie am Strand. Als Freier Journalist musst Du Dir Gedanken machen um den Satz: „Schuster bleib bei Deinen Leisten“. Oder vielleicht doch weiterentwickeln? Ich schreibe Texte und arbeite auch als Fotograf, gebe Fotokurse, fotografiere ab zu Hochzeiten (hier ist Onkel Willi mein Konkurrent, der hat auch ne fette Digitalkamera) und stelle meine Bilder aus. Auf Videodrehs verzichte ich. Auf dem Weg von einem fotografierenden Journalisten zu einem schreibenden Fotografen. Irgendwo.

Als Pauschalist genießt Du eine gewisse Sicherheit, die fast ohne Ankündigung plötzlich zu Ende sein kann. Ich habe damit, wie viele andere auch, bittere Erfahrungen machen müssen. Toll, wenn Du einen Plan B hast! Bisher hatte ich den und bisher gab und gibt es immer noch Leute, die an mich glauben. Doch die Unsicherheit ist Dein ständiger Begleiter! Immer eine Idee haben. Immer eher eine Idee vor dem zu vermeidenden Crash haben. Wer eigene Ideen hat, der muss sich nicht am Wochenende zur Rammlerschau schicken lassen! Eine Festanstellung? Zweimal hatte ich Angebote. Es kam mir wie Kettenanlegen vor. Ich bin gerne Freier Journalist – auch wenn ich manchmal den Job im Präsens verfluche!
Als ehemaliger Sportlehrer hatte ich das Glück, mich bisher 30 Jahre (einschließlich Studium) mit den Dingen beschäftigen zu können, um die sich mein Leben immer gedreht hat und damit auch noch Geld zu verdienen: mit Sport, Schreiben und Fotografieren! Die Konturen zwischen Job und Freizeit gleiten ineinander über. Diese Alpenüberquerung, bei der ich mich blutig geschunden habe, war rückblickend schon eine geile Zeit! Das grüne Tal kann noch auf mich warten. Welcher schöpferische Mensch will schon ins Schlaraffenland? Nur immer konzentriert, neugierig und kreativ bleiben.

Und wenn es ganz dicke kommt, empfehle ich „Fado“, die portugiesische Weltschmerzmusik. Da kann der traurige Schreiberling herrlich bei einem Glas Rotwein leiden. Dann aber wieder Mund abwischen und weiter. Immer weiter.

  1. Februar 2021 (fünf Jahre danach)

Nun ist es passiert. Ich bin befreit von der Ostsee-Zeitung. Mir ist so, als ob ich als 34-Jähriger bei Mutti ausgezogen bin. Aber, um im Bild zu bleiben: Die Brotdose war alle und die wärmende Decke hat mir nur Bewegungsfreiheit genommen. Den restlichen Weg muss ich allein schaffen. Und es fühlt sich gut an. In meinem Kultuclub habe ich Lesungen, Konzerte, Bilderschauen, Kabarett und allerlei Vorträge organisiert. Temporär. Corona & Co erwürgt. Aber ich habe mein Gesicht gezeigt. Für einen Hamburger Verlag schreibe ich nun am zweiten Buch. Sogar Videos habe ich nun doch produziert! Nach 16 Jahren werde ich wieder für einen Blog bezahlt. Ich schreibe Broschüren, Bilder von mir hängen seit zwei Jahren im Speicherhotel Barth im großen Saal und ein Weiterbildungsunternehmen hat mich für eine Woche nach Spiekeroog reisen lassen, um wissensdurstige Fotografen-Eleven zu bespaßen. Noch immer radele ich mit Urlaubern um die Insel.

Selbstzweifel und Fado sind dennoch ständige Begleiter. Doch noch tanzt der Harlekin auf der Klippe. Die Show macht Spaß. Auch. Es ist keine Frage des Übermuts – es ist eine Frage der Kraft.