Zu Gast im Künstlerdorf

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Zu Gast im Künstlerdorf

Wer im Sommer die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst besucht, der kann sich auf die schönsten Strände Mecklenburg-Vorpommerns freuen. Doch nicht nur Sonnenanbeter kommen auf ihre Kosten. Die Halbinsel begeistert auch durch ihre Natur-Vielfalt. Die Spannung zwischen Ostsee und Boddengewässern ist faszinierend. Jeder Ort präsentiert seinen eigenen Charakter. Auch Kunst und Kultur können sich hier in den verschiedensten Formen ausleben. Das Ostseebad Ahrenshoop zeigt sich als ehemalige Künstlerkolonie besonders der Malerei aufgeschlossen. Das Kunstmuseum bietet der Geschichte um die Malweiber und dem Nestor der Ahrenshooper Maler, Paul Müller-Keampff, ein Podium. Das Neue Kunsthaus widmet sich zeitgenössischer, junger Kunst in der Ostseeregion. Doch Maler sind in Ahrenshoop nicht nur im Museum oder in den Galerien zu bewundern, man kann ihnen noch heute live bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen.

Einer von ihnen ist Hans Götze. „Manchmal sehe ich einfach Lichtstimmungen. Dann hole ich mein Skizzenblock raus und halte die Situation fest“, beschreibt Hans Götze (67) einen Moment seiner Inspiration als Maler. „Das ist mir einmal beim Jazzfestival passiert. Über der Ostsee lag so eine Gewitter/Regen-Stimmung, die ich schnell auf Papier festhalten musste. Am nächsten Tag war das Bild fertig. Hans Götze ist Maler in Ahrenshoop. Er hält die Landschaft in seinem Ort, indem er seit 1994 ehrenamtlicher Bürgermeister ist, mit Tusche, Pastell, Acryl und mit Bleistiftzeichnungen fest. Der gebürtige Sachse fühlt sich in der Tradition der Ahrenshooper Malerkolonie verpflichtet. Der aus Dippoldiswalde stammende Götze lernte jedoch zunächst Funkmechaniker und studierte an der TU Dresden Informationstechnik. Aber das Malen war schon immer seine Leidenschaft. „Mein Onkel malte und mein Vater förderten mein Interesse. Als kleiner Junge sammelte ich Kartoffeln und vom verdienten Geld kaufte ich mir meinen ersten Farbkasten“, erinnert er sich. Im nahen Dresden besuchte Hans Götze die Staatlichen Kunstausstellungen und hörte sich Vorlesungen an der Kunstakademie an. 1975/76 kam er durch sein Studium an der Seefahrtsschule in Wustrow auf die Halbinsel-Fischland-Darß-Zingst. Dort lernte er den Maler Hans-Ulrich Gravenhorst kennen, der an der Seefahrtschule als Maler und Grafiker angestellt war und besuchte seine Mal- und Zeichenzirkel. Auf See war das Zeichenzeug immer mit dabei. Auch die Verbindung zu seinem Mentor Gravenhorst brach nicht ab. Einmal im Jahr zeigte der Schüler dem Lehrer seine Arbeiten. Bitte schonungslose Kritik! Götze wollte lernen. Der Erfolg blieb nicht aus und seit 1979 stellt er seine Bilder in Gemeinschaftsausstellungen vor. Seit 1990 arbeitet er nebenbei als freiberuflicher Künstler. 1993 erhielt Hans Götze in Ahrenshoop zum ersten Mal die Gelegenheit, seine Bilder exklusiv auszustellen. „Als dann 1995 zum ersten Mal auf einer Euro-Art-Ausstellung meine Bilder neben die von Hans-Ulrich Gravenhorst hingen, war ich schon mächtig stolz“, sagt Hans Götze, der 1994/95 im Umweltschutz tätig war, in der Zeit, als er auch seine Berufung zum Bürgermeister des Ostseebades aufnahm. Von 1998 bis 2013 arbeitete der Ahrenshooper beim Tourismusverband Fischland-Darß-Zingst in der Öffentlichkeitsarbeit. In dieser Funktion konnte er seine Arbeit wunderbar mit seinem Hobby verbinden. Ehrenamtlicher Bürgermeister einer Künstlerkolonie, Medienarbeiter beim ansässigen Tourismusverband und Maler – Hans Götze hatte mit diesem Dreier seinen Sechser im Lotto gefunden. „Ich mal gerne draußen. Manchmal gehe ich mehrmals an einen Ort, schaue mir die Landschaft an, das Licht und suche mir besondere Perspektiven“, sagt er über seine Arbeitsweise als Maler. Das Bild entstehe im Kopf. Doch nicht immer gelingt es gleich, kommt die Idee einfach nicht. „Zur Schifferkirche in Ahrenshoop wollte mir einfach kein Gedanke kommen. Dann bin ich zufällig daran vorbei gegangen und da schoss es mir ein.“ Hans Götze lacht. Hin und wieder ist es so. Doch es gibt auch Tage und Wochen, da malt er überhaupt nicht. Bis wieder einmal ein „Schub“ kommt. Dann muss er raus. Egal bei welchem Wetter. Für eine Berliner Volkshochschule gibt er seit 2009 winterliche Malworkshops. „Wenn es draußen kalt ist, dann können wir nicht lange im Freien bleiben. Die Schüler müssen sich konzentrieren und das Wesentliche festhalten“, berichtet er. Die kleine Folter hat also Methode. Er selbst nimmt einmal im Jahr am Plenair „Baltische Brücke“ in Prerow teil. Deutsche Maler haben die Möglichkeit, sich mit Künstlern aus Lettland, Litauen und Polen auszutauschen. Der Austausch ist wichtig für Hans Götze – auch der „Tapentenwechsel“. So sind durchaus auch Bilder der Kurischen Nehrung entstanden. Wer ihn besuchen will, der schaut einfach in sein Atelier in der Ahrenshooper Niehäger Straße vorbei. Hans Götze ist jetzt Rentner und hat auch die Zeit, im Sommer den einen oder anderen Individual-Malkurs durchzuführen.

Doch den Künstlerort Ahrenshoop ausschließlich mit Öl-, Pastell-, oder Aquarellbilder mit den schönsten regionalen Motiven zu verbinden, ist zu kurz gedacht. So wie die Halbinsel durch Vielfalt anzieht, so zeigt sich der Ort, durch den die Grenze zwischen Mecklenburg und Vorpommern verläuft, auf den verschiedensten Kunstgenres zu Hause. Der Keramiker Friedemann Löber ist ein Urgestein des Ostseebades. Er wohnt mit seiner Frau Renate Löber im Paradies: „Ich habe oft von Besuchern gehört, dass wir im Paradies wohnen würden. Ja, im Paradies mit Dornen, sage ich dann immer.“ „Es war Liebe auf den ersten Vorblick“, sagt die Galeristin   über den Moment, als sie und ihr Mann das „Dornenhaus“ in Augenschein genommen hatten. 1995 kauften sie das ehemalige Bauernhaus aus dem 17. Jahrhundert, das in einem jämmerlichen Zustand war. Das ehemalige Urlauberquartier des Kulturbundes, in der auch schon Helene Weigel und Bertold Brecht zu Gast waren, diente bis zur Wende als Kindergarten. Dann erfolgte die Rückübertragung. Die Erben wollten das denkmalgeschützte Haus verkaufen. „Es gab viele Interessenten. Aber allen war das Haus einfach zu teuer“, sagt der Keramiker Friedemann Löber. Also kauften es der geborene Ahrenshooper und die Berliner Lektorin, egal ob es sich „rechnete“. Die neuen Hausbesitzer waren damals selbst noch nicht lange zusammen. „Große Liebe stößt auf große Liebe“, sagen beide über sich und schauen sich wie ein frisch verliebtes Pärchen an.

1996 bauten sich die beiden ihr „Nest“ und im Winter 1997 zogen sie ein. Das Dach war dicht und die Heizung wärmte. Ein Paradies im Werden  war das Dornenhaus. Seinen Namen hat es von den Weißdornbäumen auf dem Wall vor dem Haus. Bis 1966 prägten sie den Charakter des Hauses. Ein Haus, das sich dennoch ständig verändert. Wer mit dem 76-jährigen Friedemann Löber durch das Haus geht, erfährt, wann welche Wände versetzt wurden, welche Balken erneuert werden mussten und was noch gemacht werden muss. Dabei ist der groß gewachsene schlanke Mann mit dem schwarzen Haar und dem schon fast grauen Bart Keramiker und kein Baulöwe. Friedemann Löber stammt aus einer Künstlerfamilie. Sein Vater, Wilhelm Löber, war Bildhauer und seine Mutter, Frieda Löber, Malerin. Der Trommler an der Frontseite des Hauses erinnert an den Vater und in der hohen Diele ist die Ahrenshooper Mühle von Mutter Löber zu sehen. Friedemann war das fünfte von acht Kindern und studierte in Heiligendamm Baukeramik. Ab 1961 arbeitete er in der Werkstatt und seit 1967 als selbstständiger Keramiker mit Mutter und Schwester Ella weiter. Fischlandkeramik ist das Markenzeichen der Löbers. In seinem Elternhaus begründet, entwickeln sie die scheibengedrehte Gebrauchskeramik. Schwester Ella führte das typische Dekor zur Perfektion. Die blau-grauen Tassen, Teller, Krüge und Kannen werden mittels einer aufwändigen Ritz-Mal-Technik hergestellt. Wer dem Ahlthäger beim Ritzen zuschaut, muss die Leichtigkeit bewundern, mit der die Muster, Fische, Libellen, Kraniche und Windflüchter entstehen. „Hier sitze ich täglich bis 22 Uhr und arbeite“, sagt er und seine linke Hand greift zum Pinsel, um Farbe aufzutragen. Renate Löber organisiert die Ausstellungen, ist für Werbung und den Verkauf zuständig und ist mit all den anderen Dingen, die in so einem Haus, das täglich geöffnet hat, beschäftigt. Die 66-Jährige mit den langen silber-grauen Haaren ist seit 1991 in Ahrenshoop. Bis 2001 arbeitete sie in Berlin als Lektorin. Seit knapp 18 Jahren ist sie nur Galeristin. 1998 begann alles mit der ersten Ausstellung in der Diele. „Fliegen kann man nur zu zweit“ hieß die Exposition von Marie Kiesow. „Ist das nicht ein schöner Titel?“, fragt Renate Löber und lächelt über das ganze Gesicht. Es folgten unter anderem Ausstellungen von Tom Beyer, Wolfgang Schlüter, Dagmar Puttnies-Munk und Thomas Klamann. „Ganz wichtig in unserer Ausstellung sind natürlich auch die Keramiken“, beeilt sich die Galeristin hinzuzufügen. Natürlich die Fischlandkeramik. Und Werke anderer Künstler Norddeutschlands.

Friedemann Löber erklärt vor dem Haus noch schnell einige Baufeinheiten und zeigt dann auf die Weißdornbäume. Sie sind vor einigen Jahren neu angepflanzt worden und weisen schon eine stattliche Größe auf. Sie prägen wieder den Charakter des „Dornenhauses“.

Ahrenshoop schmückt sich mit beeindruckender Leinwandkunst, lässt zauberhafte Keramiken entstehen, die den besonderen Geist der Halbinsel festhalten, und Ahrenshoop klingt auch sehr gut.

Zunächst sitzen beide ganz gerade nebeneinander. Sie schauen auf ihre Hände, die ruhig die Tasten des Flügels anschlagen, eine leise Melodie, die an Fahrt gewinnt. Er kommt zuerst in Bewegung, schaut sie an, sieht hoch und wieder runter auf die Tastatur. Die Melodie gewinnt an Kraft und nun wiegt ihr Oberkörper mit. Jetzt blicken beide nicht mehr auf ihre Hände – sind eins mit dem Flügel und der Melodie, die beschwingter wird, er lächelt, grinst fast und greift in ihre „Tastenzone“. Es ist wie bei einer WG. Jeder setzt sich mit seinen Eigenheiten ans Klavier und beide müssen miteinander harmonieren. Sie lacht jetzt und revanchiert sich, indem sie weit in „seine“ tiefen Tasten greift. Es wird ein Armknäuel, doch die Melodie bleibt noch erkennbar, bäumt sich dann auf, fällt schräg ab und stürzt nieder. Ulrike Mai und Lutz Gerlach lachen.

„So ist das mit uns. Wir sind wie zwei Bäume. Wir haben zwei eigenständige Kreisläufe, sind dennoch ineinander verzweigt, geben, was der andere nicht hat. Ergänzen uns so“, erklärt die Pianistin Ulrike Mai. Ihre großen dunklen Augen glänzen. „Unsere Wurzeln standen schon dicht beieinander. Wir mussten uns nur noch finden“, fügt der Komponist und Pianist Lutz Gerlach zusammen und streicht mit der Hand über sein unrasiertes Kinn. Die beiden sind ein Paar. Er ist für ein Jazzer ziemlich klassisch und sie für eine Klassikerin ziemlich jazzig. Das Künstlerpaar wohnt ihn Ahrenshoop – im „Ohr“, wie sie ihr Haus genannt haben. Wohnort, Konzertsaal und Produktionsstätte (LGM Klanggalerie) in einem. Hier im Ostseebad haben sie gefunden, was sie gesucht haben. „Ich komme aus Berlin. Da habe ich in einer lauten, hektischen Stadt, laute und hektische Musik gemacht“, sagt der 53-Jährige Gerlach über seine Studienzeit an der Hochschule für Musik. Aus der populären lauten Musik wurden immer leisere, ruhigere Töne. Dann sehnte sich der Berliner auch nach einer ruhigeren Gegend. Seit 2001 lebt er in Ahrenshoop. Während seiner Arbeit als freier Mitarbeiter der Zingster Kur- und Tourist GmbH lernt er Ulrike Mai kennen. Im November 2001 lädt er für die Reihe „Pianissimo“ die Rostockerin ein. Sie treten solo auf und tragen ein von Lutz Gerlach komponiertes Stück vierhändig auf dem Piano vor. Es wird „ihr“ Stück („Out of Season“, März).   Die klassische Klavierspielerin (Hochschule für Musik und Theater in Rostock), die Meisterkurse besuchte und Preisträgerin internationaler Wettbewerbe ist, traf den Jazzer mit Hang zu Klassik. Die Äste des Baumes berührten sich und fanden Gemeinsamkeiten: die Liebe zur Musik, zum Piano und zur Natur. Denn bei seinen Kompositionen sucht und findet Lutz Gerlach immer wieder Themen aus der Natur, aus der Kunst und wandelt sie um in Töne. Lutz Gerlach vertont Bilder und schuf dem Weststrand des Darßes mit der gleichnamigen CD eine klassische Hymne.

„Ich brauche das Wasser. Es inspiriert mich. Ich muss Wasser in Töne umformen“, sagt der Komponist, der als künstlerischer Leiter mehrere Konzertreihen auf der Halbinsel verantwortet. Darunter auch die Zingster Klaviertage am Osterwochenende. Im vorigen Jahr konzipierte Lutz Gerlach ein musikalisches Event zur Bundesgartenschau in Brandenburg. Ulrike Mai hat bereits drei Solo CD („Poems oft he see“)produziert. „In der Reihe ‚Piano & Nature‘ suche ich bei den Komponisten nach der Verbindung zur Natur, stelle meine Konzerte unter einem Thema.“ Mai interpretiert bekannte Komponisten neuartig. Thema Natur. In der Reihe „Piano und Poesie“ in Dierhagen tritt sie mit bekannten Schauspielern auf . Immer wieder sind beide auch solo unterwegs – in Deutschland oder im Ausland. Danach berühren sich wieder die Zweige ihrer Bäume, umschlingen und treffen sich künstlerisch am Piano im Duett. Klassisch, jazzig, Frau und Mann, weißer Flügel, schwarzer Flügel. Sie schauen sich an, haben Spaß aneinander und miteinander und geben die Freude am Spiel dem Publikum weiter. Das bedankt sich mit fast selbstverständlicher Vertrautheit. Die Konzerte im eigenen Haus sind regelmäßig ausverkauft. Es kommen nicht nur Touristen, sondern auch Einheimische, auch aus Rostock und aus Schwerin.

Der Künstlerpaar ist ein Gewinn für die Region. Das zeigt sich auch wieder, wenn am „Hohen Ufer“ in Niehagen Klaviermusik erklingt. Direkt an der Steilküste werden die Pianos aufgebaut. Gleich mehrere Pianisten werden eingeladen. Alle beteiligten Künstler spielen erst solo. Dann steigert sich der Abend. Zweihändig, vierhändig, sechshändig…

Ein Urlaub in Ahrenshoop ist mehr als nur ein Strandurlaub. Kunst und Kultur haben sich hier das Ja-Wort gegeben und verbringen auf dem Darß ihre nicht enden wollenden Flitterwochen.