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Zum Glück zurück nach Damgarten

Was mag die kleine Brigitte wohl denken? So viele Menschen ziehen an der 3-jährigen vorbei. Verträumt schaut sie einem Mann mit einem Karren in Fischerkleidung hinterher. Komischer Kinderwagen.

Der 8-jährige Bernd steht mit seiner Lederhose am Straßenrand und verfolgt aufmerksam das Geschehen. Es ist 1958. Die Doppelstadt Ribnitz-Damgarten feiert ihr Doppeljubiläum. Ribnitz wird 725 Jahre und Damgarten 700 Jahre. Der große Festumzug bewegt sich von Ribnitz nach Damgarten. Auf dem Bild rechts wird die Barther Straße von vielen Menschen gesäumt. Die Großfamilie hat sich vor ihrem Haus platziert. Auch die 2-jährige Karin, eine Cousine von Brigitte Dierling, ist dabei. Sie sitzt auf dem Schoß ihrer Oma. So recht wird sie wohl nicht wissen, was da gerade vor ihren Augen passiert.

50 Jahre später erkennt die jetzige Lehrerin sehr schnell die Situation. Die OSTSEE-ZEITUNG sucht Kinder von damals auf einem Festumzugsfoto. Wer erkennt sich? „Ich habe natürlich das Foto in der OZ erkannt. Wir hatten es ja auch. Sogar ganz viele davon. Von Foto Zothner haben wir einen ganzen Stapel bekommen. Ich habe schnell Brigitte und Bernd angerufen“, sagt Karin Schneider, geborene Kaminski.

Nun sitzen die drei in den Räumen der OSTSEE-ZEITUNG und erzählen aus ihrem Leben. Brigitte Dreyer (53), geborene Dierling, ist Zahnärztin geworden. Bruder Bernd Dierling (58) ist selbstständiger Elektro-Meister. Karin Schneider (52) arbeitet als Lehrerin. Alle sind in Damgarten geblieben. Warum?
Dr. Brigitte Dreyer hat nur eine Antwort: „Wir sind Familienmenschen. Damgarten ist unser Zuhause. Wir wollen zusammen bleiben.“ Dann sagt die Zahnärztin nichts mehr. Schaut nur, lächelt. Bernd und Karin auch. Nicken ein wenig.

Die Kinderzeit in Damgarten prägte. Elise Steinfurth brachte vier Kinder zur Welt. Drei Töchter und einen Sohn. Daraus wächst die Großfamilie. Eine Familie, die zusammenhält, sich hilft und auch gemeinsam feiert. Die Kinder spielten zusammen, waren oft in den Gartenanlagen bei den Großeltern und in der Natur.
Bernd Dierling absolvierte nach der Schule eine Lehre als Elektroinstallateur. Nach der Armeezeit studierte der Damgartener Elektrotechnik in Wismar. Von 1974 bis 1977 wohnte und arbeitete er beim NEG in Greifswald, lernte in dieser Zeit seine Frau Marion kennen und heiratete sie. Als er 1978 nach Damgarten zurückkehrte, machte er sich selbstständig. Sein Vater Karl-Ulrich drängte darauf. „Wenn du selbstständig bist, schaffst du mehr“, hatte er seinem Sohn mitgegeben. Die Selbstständigkeit liegt den Dierlings in den Genen. Jenen Dierlings, die die Schiffswerft in Damgarten betrieben. Jenen Dierlings, die als Fleischer und Landwirt ihr Auskommen hatten. Nun also in der Elektrobranche. Sohn Marcus wird dort weitermachen. Christin (Arzthelferin) und Stephan Dierling können einsteigen oder der Familientradition andere Branchen hinzufügen.

Brigitte Dierling erlernte den Beruf einer Zahntechnikerin. Nach dem Abitur schloss sich das Studium der Zahnmedizin in Rostock an. Dann schnell wieder nach Damgarten zurück. Keine Wohnung frei. Brigitte wohnte bei den Eltern oder beim Bruder – wo etwas frei war. Die Familie war doch da! 1980 heiratete sie und 1983 kam Tochter Claudia zur Welt. Drei Jahre später konnte eine Neubauwohnung bezogen werden und 1987 kauften die Dreyers ein Haus – in Ribnitz. So eng soll die Liebe zu Damgarten nun doch nicht gesehen werden. 1989 wurde Sohn Christoph geboren und nach der Wende eröffneten Brigitte und Dr. Thomas Dreyer eine Gemeinschaftspraxis in Ribnitz. Die Familie ist angekommen.

Karin Kaminski schließt das Abitur 1974 in Ribnitz ab und studiert darauf Deutsch/Englisch Pädagogik in Rostock. Danach folgen zwei Jahre in Gnevezow bei Demmin. „Dann konnte ich zum Glück zurück nach Damgarten“, sagt sie und man spürt noch heute ihre Erleichterung. 1979 heiratete sie den Damgartener Gerd Schneider, einer der besten Freunde der Familie und ebenfalls Lehrer. Seit über 20 Jahren unterrichten nun beide an der Harbig-Schule in Damgarten. Ihre Vorbildwirkung scheint zu fruchten. Tochter Jenny ist bereits Lehrerin und Sohn Tom studiert in diese Richtung. Beide wohnen noch in Damgarten bei ihren Eltern – im Haus in der Schulstraße. Beide wollen in Damgarten bleiben. Als Karin Schneider dies im OZ-Gespräch sagt, lachen die anderen beiden. Und Brigitte Dreyer: „Ja, es ist wirklich so. Wir halten als Großfamilie zusammen und in Damgarten ist es schön. Wir fühlen uns wohl.“
In diesem Jahr wird also wieder ein Festumzug durch Damgarten marschieren. Und wieder werden Brigitte, Bernd und Karin am Straßenrand stehen – genau an der Stelle, an der sie vor 50 Jahren standen. Das ehemalige Haus steht nicht mehr, aber die Großfamilie wird da sein. Bis auf Bernd, der wird am Festumzug teilnehmen und das gleich in doppelter Ausführung. Einmal mit einem Wagen der Elektro-Innung und dann als Vertreter der Dierlingschen Werft. Familientradition in Damgarten eben.